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Allgemein Gedanken

0 und 1

Vol. 12

Draußen ist es klirrend kalt. Der Dezember hat Einzug gehalten. Ich sitze in einem Café, schaue sinnierend aus dem Panorama-Fenster. Um mich herum der typische Sound: Leises Stimmengewirr vermischt mit jazzigen Klängen und dazwischen das Brummen der Kaffeemaschine. Vor mir liegt ein Buch von Rumi. „Die Liebe schenkt den Teil erst und dann das ganze All“, heißt es dort. Zusammen mit dem Zitat geht mein Geist auf Reisen.

Vielleicht bin ich naiv. Vielleicht aber will ich den Glauben, die Liebe und die Hoffnung einfach nicht aufgeben. Denn irgendwo da draußen muss es sie doch geben, jene Menschen, die kopf- und bedingungslos lieben. Eigentlich ist das doch gar nicht so schwer, denke ich. Und dennoch…! Liebe 2.1 findet jenseits der gegenständlich-greifbaren Welt statt. So jedenfalls scheint es. Felix Stalder definiert diese neu entstandene „Kultur der Digitalität“ über drei Grundformen: Gemeinschaftlichkeit, Referenzialität und Algorithmizität. Dabei wird unter einem Algorithmus laut wikipedia eine „eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems“ verstanden. Nun gut! Das heißt also: Sie sucht Ihn und als Lösungsweg stehen Online-Plattformen zur Verfügung. Will heißen, irgendwo zwischen 0 und 1 ist er oder sie zu finden. Aha!, denke ich und überlege weiter.

Vor einer Weile beobachtete ich nämlich, wie eine Studentin an der Hochschule fleißig mit ihrem Finger über das Display ihres Smartphones wischte. Mal nach rechts, mal nach links. Schließlich neugierig geworden, wollte auch ich mich dem Trend stellen und eröffnete ein Profil auf einer entsprechenden Plattform. Immerhin wollte ich als Mediendidaktikerin begreifen, worüber alle reden und trat somit beherzt den Selbstversuch an. Da also lag sie mir zu Füßen, die schöne neue Online-Dating-Welt. Bestehend aus optimierten Katalog- und Versandhausprofilen im Hochglanzformat, einschließlich meines eigenen. Nun durfte ich wählen. Bitte schön. Also schaute ich planlos Fremden in die Augen, las ihre Profile und begann das Swipen. Match eins, zwei, drei…! Wow, dachte ich. Das ist ja mega easy! Nun galt es, den ersten Schritt zu wagen und eine short message an den Auserwählten zu senden. Jenun, als Schriftstellerin war das für mich wohl das geringste Problem.

Wirklich interessant lasen sich die Antworten: Sie changierten zwischen vielversprechenden Ein-Wort-Botschaften, leeren Phrasen und epischen Ergüssen über das Ich des Anderen, jedoch ohne jegliche Frage zu mir. Okee, dachte ich! Interessant. Ich mag nämlich ganze Sätze und stehe auf interessierte Fragen. Gib dem Ganzen eine Chance, ermunterte ich mich und wischte in den nächsten drei Tagen fleißig weiter. 0 und 1 müssen doch schließlich wissen, was ich will! Das ganze Wischen und Matchen führte am Ende zu keinem Date, jedoch zu einer klaren Erkenntnis: Einen Menschen wie Kleidung in einem Katalog eilversandfertig und mit Rückgaberecht – im Sinne von return to sender – auszuwählen, ist nicht meins. Jeder Anblick und die Lektüre eines Profils katapultierte mich hinein, ins Leben der Anderen. Versetzte meinen Geist in einen seltsamen Non-Stop-Modus aus permanenter Eingebundenheit und Auseinandersetzung. Und dieser Zustand saugte irgendwie aus, als habe jemand einen Staubsauger angeworfen. Passt der eine nicht, ist’s halt ein anderer. Jenun!

Liebe verstanden als Problem, während 0 und 1 als klar definierte Handlungsvorschrift zur Lösung fungieren?  Doch was macht das mit uns?! Mit unserem Geist? Mit der Liebe und überhaupt? Das Ganze ist doch mehr als 0 und 1, oder? Offensichtlich bleibe ich hier doch eher ein digital dinosaur. Die Kaffeemaschine brummt vernehmlich. Holt mich samt meinem Geist zurück ins Café. Ich schaue abermals auf den Text von Rumi: „Der ist kein Liebender, der nicht bewegt ist wie der Geist, der nicht bei Nacht wie ein Gestirn den schönen Mond umkreist“. Ja, genau so sollte sie sein, die Liebe: Leicht und unbeschwert und mitten im Leben – irgendwo da, zwischen Tiefkühlregal und Dosentomaten in der EDEKA oder so. Sich entfaltend im Tun und zugleich immer schon da, in Raum und Zeit. Nicht fragend, nicht klagend. Ungefiltert. Einfach so die Welt um sich herum fühlend. Easy on me, singt Adele. Ja, genau so. Nicht wahr?! 0 und 1 – ihr könnt mich also mal.

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