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Gedanken

Wurzeln und Flügel

Vol. 10

Es ist einer dieser heißen Tage: Die Sonne brennt sich durch die Luft, hinterlässt flirrende Spiegelungen über dem Asphalt. Ich sitze auf einer Veranda, im Schatten. Um mich herum, ein grünes Paradies, ein blühender Garten und Stimmengewirr. Teller, die klappern, Wein, der in die Gläser fließt, das vergnügte Brabbeln einer 2jährigen mischen sich. Der beruhigende Familien-Sound und ich mittendrin. Bloß, dass es nicht meine ist. Ich bin nur der Gast an diesem Tag. Und höre ihren Geschichten zu. Jenen der Vergangenheit, aus denen sich ihre Zukunft spinnt. Wie ein Netz. Zwischen den Zeilen nehme ich wahr, was sie alle zusammenhält: Zwischen all dem Lachen, dem Weinen, dem Streiten und all den Worten – den gut gemeinten und auch den bösen –  füllt er sich an, der Raum, den man Familie nennt über die Jahre. Und meine Gedanken schweifen… denn Hannah Arendt zufolge hat in der bedingten Welt alles zwei Seiten, aber ebenso auch die changierenden Farben dazwischen.

Familie, das ist daher nicht nur ein Wort für eine Kategorie, denke ich. Vielmehr ist es der Beginn. Von mir. Also jenem Menschen, der ich heute bin. Die Summe jener Teile meiner eigenen Vergangenheit. Nicht alles war toll, oder einfach. Und dennoch würde ich alles dafür geben. Für diesen einen Moment, der unvergesslichen Beständigkeit meines eigenen familiären Sounds, der mich als junger Mensch auf meine Reise brachte. Zwei Dinge sollten Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel, heißt es bei Goethe. Und ich begreife: Ohne sie und ihre verrückten, verqueren, teils ordentlich anstrengenden und doch so liebenswerten Eigenheiten wäre ich niemals an den Ort von heute gekommen. Mit anderen Worten: Es ist, wie es ist. Und so akzeptiere ich mich endlich als ein Teil davon; immerhin ist es in der Summe meine Zukunft, die ich selbst gestalte über die Wurzeln meiner eigenen Vergangenheit. Da also sind sie, die Flügel, die wir dann erkennen, wenn wir erst begreifen: (…) so lange du das nicht hast, dieses: Stirb und werde! Bleibst du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde. Wieder so ein Goethe-Zitat, das mir in den Sinn kommt. Selige Sehnsucht hat er das dazugehörige Gedicht genannt. Wie passend, denke ich befreit, denn genau das ist es, was ich empfinde, während ich als stiller Teilnehmer im Kreise dieser Familie sitze und ihrem bunten Treiben lausche. Liebe muss nicht perfekt sein. Sondern echt!

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