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Gedanken

Erinnere mich

Vol. 11

Ich erinnere mich, als wäre es erst gestern gewesen: Du hieltest mich im Arm. Trugst mich auf Händen. Schautest mich an, als wäre ich das einzig existierende Wunder der Welt. Dein Lächeln erreichte deine Augen, erhellte den Raum, für den Moment. Ich erinnere mich an deinen Geruch, an den Klang deiner Stimme, wenn du meinen Namen nanntest und das Geräusch der Haustür, wenn du nach Hause kamst. An deine Energie im Raum, an dein Lachen und deinen Humor. Ich erinnere mich an unsere Fahrradtouren. Wir sprachen nur selten, trotzdem warst du immer für mich da. Als ich meinen Abschluss machte, weintest du vor Freude. Wenig später führtest du mich zum Ball und schließlich zum Altar. Ich erinnere mich… an dich und daran, wie du warst. Vielleicht waren wir nicht immer einer Meinung. Und dennoch hast du mir geholfen, die zu werden, die ich bin. „Du und ich – wir sind eins“, heißt es bei Mahatma Gandhi. Und ich… ich erinnere mich daran, ein Teil von dir zu sein, während ich eines noch tiefer begreife: Leben ist endlich. Unendlich ist einzig die Erinnerung. Deshalb erinnere ich mich. An dich und daran, wie du warst.

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Gedanken

Wurzeln und Flügel

Vol. 10

Es ist einer dieser heißen Tage: Die Sonne brennt sich durch die Luft, hinterlässt flirrende Spiegelungen über dem Asphalt. Ich sitze auf einer Veranda, im Schatten. Um mich herum, ein grünes Paradies, ein blühender Garten und Stimmengewirr. Teller, die klappern, Wein, der in die Gläser fließt, das vergnügte Brabbeln einer 2jährigen mischen sich. Der beruhigende Familien-Sound und ich mittendrin. Bloß, dass es nicht meine ist. Ich bin nur der Gast an diesem Tag. Und höre ihren Geschichten zu. Jenen der Vergangenheit, aus denen sich ihre Zukunft spinnt. Wie ein Netz. Zwischen den Zeilen nehme ich wahr, was sie alle zusammenhält: Zwischen all dem Lachen, dem Weinen, dem Streiten und all den Worten – den gut gemeinten und auch den bösen –  füllt er sich an, der Raum, den man Familie nennt über die Jahre. Und meine Gedanken schweifen… denn Hannah Arendt zufolge hat in der bedingten Welt alles zwei Seiten, aber ebenso auch die changierenden Farben dazwischen.

Familie, das ist daher nicht nur ein Wort für eine Kategorie, denke ich. Vielmehr ist es der Beginn. Von mir. Also jenem Menschen, der ich heute bin. Die Summe jener Teile meiner eigenen Vergangenheit. Nicht alles war toll, oder einfach. Und dennoch würde ich alles dafür geben. Für diesen einen Moment, der unvergesslichen Beständigkeit meines eigenen familiären Sounds, der mich als junger Mensch auf meine Reise brachte. Zwei Dinge sollten Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel, heißt es bei Goethe. Und ich begreife: Ohne sie und ihre verrückten, verqueren, teils ordentlich anstrengenden und doch so liebenswerten Eigenheiten wäre ich niemals an den Ort von heute gekommen. Mit anderen Worten: Es ist, wie es ist. Und so akzeptiere ich mich endlich als ein Teil davon; immerhin ist es in der Summe meine Zukunft, die ich selbst gestalte über die Wurzeln meiner eigenen Vergangenheit. Da also sind sie, die Flügel, die wir dann erkennen, wenn wir erst begreifen: (…) so lange du das nicht hast, dieses: Stirb und werde! Bleibst du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde. Wieder so ein Goethe-Zitat, das mir in den Sinn kommt. Selige Sehnsucht hat er das dazugehörige Gedicht genannt. Wie passend, denke ich befreit, denn genau das ist es, was ich empfinde, während ich als stiller Teilnehmer im Kreise dieser Familie sitze und ihrem bunten Treiben lausche. Liebe muss nicht perfekt sein. Sondern echt!

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Gedanken

Zwischen den Zeilen

Vol. 8

„Hier zwischen den Stühlen und den langen Korridoren des Nachmittagslichts den langen langsamen Rosenschatten vor einer weißen Wand tastend nach einem Plan einem Ort“ (Ulla Hahn, So offen die Welt)

Ich sitze in Hamburg, in einem Café… meinem Lieblings-Literatur-Café. Jenes, an der Grindelallee. Ganz in der Nähe der Uni. Vor mir steht ein Cappuccino mit Keks. Die Sonne scheint, wirft Schatten auf den Asphalt. Lautlos. Und dennoch nehme ich Geräusche wahr. Entfernt. Stimmen. Klänge. Eine Tür, die sich öffnet und schließt. Schritte auf dem warm wirkenden Holzboden. Halt der typische Kaffeehaus-Sound. Eine Frau sitzt vor einem Bücherregal, beim Kamin. Neben ihr ein Mann, der Zeitung liest. Die Servicekraft hat die Arme verschränkt.

Alles wirkt so surreal, wie eingefroren.

Worauf warten die bloß alle?

Ich schreibe: Geschäftig. Hektisch. Atemlos. Mein Herz wummert, als wolle es sich Gehör verschaffen. Ich ignoriere es. Lasse es links liegen. Das funktioniert gut. Meine Finger rasen indes weiter über die Tastatur, als wollten sie etwas festhalten. Alles andere scheint wie angehalten. Die Welt dreht sich ein bisschen langsamer um mich herum. Irgendwer hat an der Uhr gedreht. Zeit ist relativ, heißt es.

Bloß deine nicht. Deine ist abgelaufen.

Und das tut weh. Macht mich rasend. Vor Schmerz. Vor Wut. Wobei ich weder das eine, noch das andere spüren kann. Nicht spüren will. Darin bin ich ziemlich gut. Genauso wie im Weitermachen. Ordentlich rennend. Geflissentlich rasend. Als wäre nichts geschehen. Immer weiter, auf die Betonwand zu.

Wam!

Kurz vor dem Aufprall halte ich dann aber doch inne. Und den Atem an. Lausche genauer. Höre das Rauschen. Und die Lebendigkeit um mich herum. Erlebe den Moment. Merke, dass sich die Erde weiterdreht. Und spüre den bitteren Schrei. Jener, der in mir steckt. Ebenso tief, wie fest. Und berstender, als mein Herz an Heftigkeit fassen kann.

Wumm!

Seit Tagen.

Seit Wochen.

Eigentlich sind es Monate.

Nichts im Vergleich zu der Zeit, die ich dort verbracht habe. In Hamburg. In diesem Café. An der Uni. Und überhaupt. Ein ganzes halbes Leben lang… zusammen mit dir.

Langsam setzt mein Atem wieder ein. Ganz ruhig. Besonnen. Bedacht. Sitzt du mir plötzlich am Tisch gegenüber. Hörst mir zu, wie ich lese. Mit einer Ruhe, die selbst den Fels in der Brandung erzittern lässt. Lächelst dein typisches Alles-ist-gut-Lächeln, für das ich dich meistens beneide. Oder dir manchmal einfach den Hals umdrehen kann. Und ich weiß, du bist mit mir. Im Leben, wie in der Story. Und mir wird klar: Nicht die anderen sind es, die warten.

Darauf, aus der endlos Schleife befreit zu werden.

Darauf, dass sich das Leben weiterdreht.

Darauf, dass verdammt nochmal endlich die Tür aufgeht.

Darauf, dass DU einkehrst.

Doch das wird nicht passieren. Zumindest nicht in dieser Realität. Denn heute vor exakt 90 Tagen bist du von uns gegangen. Einfach so und einfach ohne Grund oder Corona-Infektion. Viel zu schnell. Viel zu früh. Viel zu jung. Ohne ein Wort des Abschieds zu hinterlassen. Dazu nämlich ist es nicht mehr gekommen. Fast schon ein bisschen typisch für dich. Genau wie deine Sunshine-Haltung. Ehrlich man, ich kenne sonst niemanden, der pfeifend und singend durch die Uni-Gänge schreitet, den Swing im Ohr und jede Menge Comics im Kopf. Mit diesem Gang: Federnd-geschmeidig, wie eine grinsend-philosophierende Katze auf Dope… Bonsche verteilend! Natürlich. So jedenfalls habe ich dich kennengelernt; damals, als ich mein Studium angefangen habe an der Hamburger Universität. Du hast Hamburg für mich zu einem Ort gemacht, den ich heute noch immer meine Heimat nenne.

Du und die Uni!

Du und Hamburg!

Eine Enität. Für dich. Für mich.

Du und tot!

Und die Uni-Korridore schweigend.

Ganz ehrlich, das ist schräg. Sehr sogar. Wie du wohl darüber denkst?! Das habe ich mich so oft gefragt. Wer wird mir jetzt eine Antwort geben?

Immer dann, wenn du über etwas schreibst und vorliest, dann bist du verbunden, hast du mal zu mir gesagt. Ich höre deine Worte, als wärst du noch da. Begreife auf einmal, ganz so als wäre in mir ein Licht angegangen. Und während ich diese Zeilen schreibe, rollt mir etwas über die Wangen, das mein Gesicht befeuchtet. Im Geiste aber sitze ich in einem Café. In unserem Lieblings-Literatur-Café. Dort, wo alles angefangen hat: Das mit uns und den Lesungen. Und überhaupt: Meine Liebe zu dir. Dort also sitze ich gerade und schreibe… dir. Dann nämlich lebst du weiter. In mir. Und für die Ewigkeit, bis wir uns Wiedersehen. Da oder dort. Und hier, zwischen den Zeilen.

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Immer kurz, nie ganz

Vol. 7

Es ist Nacht, und mein Herz kommt zu dir, hält’s nicht aus, hält’s nicht aus mehr bei mir“, lauten die ersten Zeilen eines Gedichts von Christian Morgenstern. Ich stehe am Fenster, schaue hinaus: Unter mir der noch nasse Asphalt. Über mir ein funkelnd Sternenzelt. Weit und breit nicht ein Geräusch. Mir ist, als habe die Welt angehalten. Um diese Zeit schweigen selbst die Treibstoff fressenden Motoren. Und die Luft ist angefüllt von etwas, das nicht benannt werden braucht. Also blicke ich in die schöne Ewigkeit. So lange sie dort oben weilen, sind wir nicht allein. Können nach ihnen greifen. Haben einen Traum. Ich schließe die Augen und sende meine Gedanken auf eine Reise, die ich selbst gerade nicht antreten kann. Und schreibe diese Zeilen in den Wind. Wie Zaubertinte auf Papier, erfüllen meine Gedanken den Raum über und unter mir: 

Jeden Wunsch erfülle ich dir, weil ich möchte, dass es dir gut geht. Weil ich will, dass du dich geliebt fühlst. Meine Liebe spürst, ohne, dass sie dich erdrückt. Ich möchte sein, wie eine Feder , die dich begleitet – ein Symbol für die Freiheit in der Liebe. Ich möchte dir ein Meer aus Freude sein, eine wärmende Umarmung. Und ein Lachen, wie das Kitzeln eines Schmetterlings, dessen Flügelschläge dich berühren. So möchte ich dich berühren mit meiner Seele. Ich verlange nichts, außer deiner Nähe – innen wie außen. Genauso möchte ich mich dir schenken: offen, als liebendes Wesen. Rein, in meinem grenzenlosen Sein, reiche ich dir meine Hand, ohne Drängen im Blick. Bloß mit der stillen Botschaft darin: Ich liebe dich. Für immer dein.

Während meine Worte reisen – lange schaue ich ihnen nach – setzt feiner Regen ein. Leise Tropfen perlen; auf die Hand, auf die Scheibe. Ich hab’ dich immer kurz, nie ganz, singen Revolverheld und drücken aus, was ich fühle. Auch ich spüre mit jedem Atemzug die kilometerschwere Distanz, die zwischen uns liegt. Wir wissen nicht, was kommt. Noch können wir eingreifen, in einen Prozess der von Außen bestimmt, ob und wann wir uns wiedersehen – gerade jetzt in dieser Zeit. Und trotzdem sind wir verbunden. Denn so lange sie dort oben weilen, sind wir nicht allein. Nicht hier, nicht Jetzt. Zu keiner Zeit.

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Gedanken

Anschein von Normalität

O du runde Welt, mein Herz ist so klein wie ein Stückchen Kohle. Ist es weiträumiger als du? Ich weiß, wie begrenzt du bist!

Das Auto zitterte, und ich dachte, wie eng begrenzt die Welt doch ist. Mir war ganz beklommen zumute, ich bekam kaum Luft. Heute wurden Männer im Fernsehen gezeigt, die aus ihren Wohnungen in Baida geführt wurden, einem Dorf, das immer noch von der Armee und der Sicherheit umstellt ist. Auf dem Platz mussten die Männer sich auf den Boden legen, die Hände wurden mit dünnen Plastikschnüren zusammengebunden, die scharf wie Messer in die Haut schnitten. Das Bild ließ mich nicht mehr los. Die Gesichter waren gegen den Asphalt gedrückt, die Rücken zum Himmel gekehrt

(Samar Yazbek (2013): Schrei nach Freiheit. Bericht aus dem Inneren der syrischen Revolution. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 40).

Vol. 6

Mir ist, als würden alle Farben verschwinden. Zumindest für den Augenblick. Ein Zeitraffer liegt über der Szenerie. Wenigstens meine ich das. Ich lausche. Es ist so still im Raum, als hätten wir aufgehört zu atmen. Eine fallende Stecknadel wäre gewiss beim Aufschlag zu hören zu gewesen. Einzig wahrzunehmen, diese Stimme: Klar, sachlich, ruhig.

Warum nur sitze ich hier? Was hat mich bloß dorthin geführt? In jenen Raum, der ganz plötzlich ganz klein zu werden scheint – kleiner, als meine Hand an Größe packen kann. Wohl, weil ein jeder von uns gekommen war, um zu verstehen. Verstehen, wie es nur zu diesem Blutbad hatte kommen können. Neben mir sitzen meine Freunde. Sie kommen aus Syrien, hören zu. Nicht minder gebannt. Genau wie ich und der Rest, der Anwesenden. Die Stille im Raum ist fühlbar angefüllt von Bildern. Und ein Krieg greifbar. Einer mehr, den ich nicht fassen kann. Darüber liest die charismatische Autorin, Samar Yazbek, und erzählt uns von ihrer Flucht aus Syrien, die sie eindrücklich in ihrem Buch beschreibt. Es entstehen Fragen in mir: Was wohl haben meine Freunde auf ihrem langen Weg von Syrien nach Deutschland erlebt? Und was dort vor Ort?

Warum also sitze ich hier – ebenso einfach, wie schlicht zu beantworten: Um eine Antwort auf die Frage zu finden, die mich seit vielen Jahren bewegt: Wie wollen wir leben in einer Welt, die Samar Yazbek aus ganz bestimmten Grund als eng begrenzt empfindet? Einer Welt, in der wir Menschen doch eigentlich alle zusammenleben und uns als Teil verstehen. Und doch passieren Dinge, die das Herz treffen und es zu einem Stückchen Kohle werden lassen. Was ist nur passiert? Unter anderem davon erzählt die Autorin und antwortet auf die Fragen der deutschen Übersetzerin zur Lage in Syrien. Sie spricht darüber, dass das Regime Baschar-al-Assads schon immer als eines der repressivsten in der arabischen Welt gegolten hat (siehe Einband des oben genannten Buches). Für diesen und andere Gedanken musste sie jedoch ihr Heimatland verlassen und ins Exil flüchten. Dabei hatte der arabische Frühling doch so hoffnungsvoll begonnen.

Später am Abend, nach der Lesung, sitzen wir im Sommergarten des Literaturhauses. Eine sanfte Brise weht samtweich durch die Blätter, fächert sie auf, streift streichelnd über sie hinweg und verfängt sich ein bisschen in meinen Haaren. Ausgelassene Stimmen, Soul und Lachen mischen sich im Lau eines sommerlichen Abends, ganz so als wäre Monet am Werk gewesen. Der Kontrast zum Vorher hätte nicht friedvoller, nicht farbgewaltiger sein können – ganz besonders für meine syrischen Freunde. Und für einen kurzen Augenblick entsteht in uns und um uns herum der Anschein von „Normalität“ – was auch immer das meint. Die Frage, was hinter meinen Freunden liegt, wird in dieser Sommernacht nicht mehr angeschnitten. Die Antwort darauf ist ohnehin ganz einfach und nachvollziehbar: Wer eine Flucht aus seiner Heimat auf sich nimmt, die ihn das Leben kosten kann, der hat sehr gute Gründe dafür. Die Augen sprechen ohnehin aus, was nicht gesagt werden kann. Und Samar Yazbek hatte eben erst darüber gelesen. In jenem kurzen Augenblick aber, waren wir schlicht und einfach vier junge Menschen, die sich als Teil einer Welt verstanden, die aus den Fugen geraten war. Doch für den Moment war die enge Welt weit, das Leben normal und wir, einfach so, als Teil davon, miteinander verbunden.

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Im Geiste frei

Vol. 5

Wir sind die Geschichte, die wir selbst schreiben. Ein offenes Buch, in unseren Händen. Die Füße, fest auf dem Boden der Tatsachen. Den Kopf über den Wolken, sitzen wir im Auge des Taifuns. Die Welt dreht sich so schnell. Und während unsere Hände noch versuchen etwas zu greifen, lässt etwas in uns einfach los. Unser Atem, ein sanftes Rauschen. Zwischen Ein und Aus entsteht die Pause, die wir so dringend brauchen. So verbringen wir die Zeit in unbekannten Räumen. Unser Geist, tief in sie versenkt. Währenddessen atmet uns, was uns am Leben hält. Und die Welt da draußen, so voller Dinge, die kommen und gehen. Lässt sich einfach nichts halten. Außer dem, was sich da in uns bewegt. Also folgen wir dem Strom in die Tiefe, in die Weite; wie ein Taucher im Ozean. Wir hören, das Abbild unser Welt, ein Schallen der Geräusche. Wie ein Abdruck in der Luft, in der es fern hallt. Wir verstehen längst nicht alles, was da so vor sich geht. Unser Geist aber folgt seinem eigenen Weg. Ist weniger kompliziert. Und so für uns – die Welt noch immer vorhanden – sind wir verbunden. Lassen geschehen, das er uns trägt. An jenen Ort, an dem es keine Trennungen mehr gibt.

Am 10. Mai 1933 wurden Bücher verbrannt. Eine unfassbar radikal-grausame Tat der Nationalsozialisten, zu der Heinrich Heines Zitat aus seinem Werk Almansor aus dem Jahre 1821 sehr passend erscheint: “Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.” Denn das Wesen des Geistigen ist es nämlich, jene unbekannten Räume, ja überhaupt das Unbekannte zu ergründen, kennenzulernen. Sich wahrnehmend auf etwas einzulassen, Verständnis zu zeigen. Auf diese Weise entsteht ein Dialog und wir verständigen uns. Wir interagieren. Nutzen Zeichen, Symbole, Sprache und unser Geist – nicht greif-, nicht fassbar – nimmt Gestalt an. Wir können nicht nicht kommunizieren, sagt Watzlawick. Alles an uns ist Medium: Körper, Mimik, Gestik. Unsere gesamte Artikulation. Wir sind, was wir tun: Ein Abbild unserer Gedanken. Immer und zu jeder Zeit erschaffen wir unsere Wirklichkeit. Und zerstören zugleich, immer dann, wenn wir ein Urteil fällen – vielleicht aus Angst oder sonstigen Gründen.

Es ist also an uns, sich das geistige Leben zugänglich zu machen – in jedweder Form, die möglich ist. Denn das geistige Leben zu unterdrücken wäre im Umkehrschluss ein Akt der Provokation, also eine an sich selbst gestellte Herausforderung zu unreflektiertem Handeln. Doch ganz egal in welchen Umständen wir uns auch befinden mögen, im Geiste sind wir stets frei! Oder, wie William Ernest Henley in seinem Gedicht Invictus schreibt: “Iam the master of my fate: Iam the captain of my soul.” Und das, ganz besonders jetzt, in der aktuellen Zeit, in der wir so sehr auf uns selbst zurückgeworfen sind.

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Politische Macht & Philosophie

Vol. 4

Und ich dachte gerade, dies sei die beste Entscheidung meines Lebens, als mein Kollege mein Büro betrat – damals, vor 20 Jahren, im September 2001.

„Dein Freund lebt doch in New York, oder?“, sprach der sonst so eloquente Spanier mit diesem Tonfall. Jenem, den man nutzt, wenn man … Nun ja! Sein Teint glich einem ausgepackten Babybel und er einem Jackenständer in schwarz. Etwas von ihm schwappte in den Raum. Oder besser, über mich hinweg.  

„Ja!“, antwortete ich. Und dachte… Oh Gott! Plötzlich erfasst von dieser seltsam eisgrau winterlichen Starre, die so gar nicht zu meinem Indian-Summer-Feeling passen wollte. Immerhin hatte ich gerade diese eine, lebensverändernde Entscheidung getroffen.

„Dann solltest du dir DAS anschauen!“ Ungefragt annektierten seine Hände meine Tastatur und tippten wild, ja beinah hysterisch, darauf herum; schienen jedoch genau zu wissen, was sie taten.

Eine Site öffnete sich. Was sich dort, vor mir am Bildschirm abspielte, nahm ich dann jedoch eher bubble artig wahr – irgendwie gefangen zwischen nicht-glauben und nicht-begreifen können oder wollen. Und noch einem Gefühl, das ich – selbst heute – noch immer nicht beschreiben kann.  

Ich hörte aufgeregte Schreie, ohrenbetäubende Sirenen. Sah eine rauchende Fontäne, einen brennenden Turm. Wollte mich bewegen, mein Mobile greifen. Klebte jedoch fest. Am Bildschirm. Im Augenblick. Jenem, der die Welt veränderte. Und damit ungefragt auch mein Leben.

Als der erste Turm einstürzte, stürzte auch etwas in mir zusammen wie ein Traumgebilde: Ein Bild. Ein Gefühl. Lösten sich auf.

Puff!

Der zweite Turm folgte.  

Von Herfried Münkler als die Neuen Kriege bezeichnet, erhält das Kampfgeschehen im beginnenden 21. Jahrhundert mit jenem Tag im September 2001 eine andere Erscheinungsform; eine Art Upgrade an entmenschlichter Radikalität. Es sind nun nicht mehr Staaten, die sich bekämpfen. Vielmehr richten Terroristen und Warlords ihre Gewaltakte direkt an zivilen Menschen aus. Belebte Plätze werden zum Ziel, Medien zum Schauplatz und wir zu Zeugen einer neuen Ära: Das Verbreiten von Angst als Mittel zum Zweck in einer global vernetzten Welt. Wir sind keine in sich geschlossene Gesellschaft mehr. Was weltweit passiert, verfolgen wir live. Und es ist an uns, tagtäglich mit der Bedrohung, der Angst, den Bildern, den Geschehnissen umzugehen, sie zu hinterfragen – ein jeder auf seine Art.

Im Frühjahr 2019 gingen mein Freund und ich zusammen in Manhattan spazieren. Wir tauchten ein in die pulsierende Menge, ließen uns treiben als wären wir zwei Adler in luftigen Strömen. Ein feiner Wind wehte wispernd und flüsternd durch die Straße, warnte mich jedoch nicht. Als wir an einem Platz ankamen, stockte mir plötzlich der Atem. Eigentlich hätte ich es wissen müssen! Eigentlich. Und dennoch… stand ich ahnungslos dort. Meine Glieder, schwer wie Blei, drückten mich zu Boden. Mir war, als würde ich in die Tiefe gerissen. Ich fühlte Schreie, dumpfe Aufschläge – nicht nur buchstäblich, sondern auch wortwörtlich, als sei ich selbst ein Teil davon. Von etwas Unerklärlichem erfasst, schossen mir Tränen in die Augen.

„Spürst du es auch?“, fragte mich mein Freund.

„Was ist das?“ Meine Stimme klang eigentümlich fremd in meinen Ohren.

„DAS ist Ground Zero!“

Ich spürte es, hatte den Bodennullpunkt jedoch nur nicht sofort erkannt.

In Platons Staat heißt es: „Wenn nicht entweder die Philosophen Könige werden oder die Könige und Machthaber sich wahrhaft und ausreichend mit der Philosophie befassen und dies nicht in eins zusammenfällt, politische Macht und Philosophie, gibt es kein Ende der Übel für unsere Städte, ja nicht für die Menschheit insgesamt.

Und so frage ich mich: In was für einer Welt wollen wir leben?! Schließlich sind wir doch Hanna Ahrendt zufolge, ein Mensch unter Menschen und müssen nicht hinnehmen, sondern können die Umstände, in denen wir leben, durchaus gestalten. Heiligt der Zweck knapp 20 Jahre nach den Ereignissen von 2001 noch immer das Mittel? Oder ist es nicht vielmehr die Liebe zur Weisheit, die in Balance bringt, was wir gerade jetzt aktuell erfahren?

Irgendwo also, zwischen Machtgewinn, Machterhalt, dem Weg zum Supermarkt und einer verschwörerischen Theorie muss sie doch liegen, die Wahrheit! Oder etwa nicht?!

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Gedanken

Sandkörner im Getriebe

Vol. 3

Goethe zufolge haben wir Zeit genug, wenn wir sie nur richtig verwenden. Sind wir bloß Sandkörner im Getriebe der Zeit? Wenn dem so wäre, könnten wir doch aber nicht lieben, nicht träumen von einer besseren Welt. Sand rieselt durch die Hände. Das Leben tut es auch. Auf Sand gebaut, leben wir Tag für Tag. Spüren, wie es durch die Finger gleitet: Sagenhaft Sanft. Sinnbildlich Schnell. Hinterlassen wir Spuren wie fingerprints auf der Haut. Ein Nachklang, ein Schattenbild jener Liebe, die wir sind. Tempus fugit. Amor manet, heißt es. Und sieht man erst durchs Augenglas der Liebe, ergibt alles einen Sinn: Ein Schloss aus Sandkörnern gebaut – eins und eins und noch ein Weiteres eröffnet doch so vieles. Für den Moment, für die Ewigkeit. Ein einziges Wort durch eine Tat erhellt, verbindet der Klebstoff bis in die Unendlichkeit. Und schon ein einzelnes Sandkorn reicht. Denn in einem Augenblick gewährt die Liebe, was Mühe kaum in langer Zeit erreicht, sagt jedenfalls Goethe. Und ich fühle, was er meint.

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Gedanken

Professor goes YouTube

Vol. 2

Es ist ein kleines, rechteckiges, durchaus teilbares Ding, das da vor mir steht. Lauter kleine Quadrate öffnen sich. Namen erscheinen. Knackende, knarzende Töne. Schließlich einzelne Gesichter. Oder doch bloß schwarze Kästchen – immerhin benannt. Wer oder was sich dahinter verbirgt, bleibt ein Fragezeichen; ähnlich wie bei Watsons black box. Social escaping lässt grüßen, denke ich, warte und nicke lächelnd. Es dauert seine Zeit, bis sich alle 250 Teilnehmenden meiner Vorlesung eingeloggt haben. Quadratisch. Praktisch. Gut sortiert auf dem Bildschirm vor mir, die Mikrophone ausgeschaltet. Ich beginne zu reden. Meine Stimme füllt die knapp 15 Quadratmeter aus. Kommt ganz sang- und klanglos und ganz ohne Hall daher. Neben mir die Wand voller Bücher, hinter mir ein Sessel mit stilvoller Lampe; so lässt, ganz Dr. Faust, das Gelehrtenkämmerlein grüßen. Draußen rollen die Motoren. Es herrscht halt Durchgangsverkehr in dem eher schmucklosen Örtchen, wo ich wohne. Da sitze ich also, ganz real, ganz virtuell – in Blazer und Jogginghose. Man sieht ja bloß die obere Körperhälfte. Irgendwie ein Widerspruch. Einer, der kreativ macht – so zumindest heißt es bei Goethe und lässt mich hoffen.

Ich erzähle, verteile Aufgaben und schicke meine Erstsemester schließlich in Break out Sessions; jene virtuellen Stellvertreter für real existierende Seminarräume. Die weiteren Vorlesungen gibt’s dann als Video on demand: professor goes youtube. Willkommen im Studium 2.0, denke ich. Schon geht mein Geist auf Reisen. Den Freiheitsdrang des Geistes nämlich hält niemand auf; meint auch der deutsche Philosoph, Manfred Hinrich. Draußen läutet eine Glocke; doch ich, längst weit entfernt, bin bereits auf dem Weg zum Hörsaal 1. Und atme tief ein, was mich am Leben hält. Die Unterlagen unterm Arm geklemmt, klappern meine Pumps über den Campus-Asphalt. Nichts umwölkt den Horizont. Die Sonne scheint, verbirgt nicht ihr Licht. Und die Luft ist angefüllt von diesem ganz speziellen Uni-Geist: Wissensdurst, Traumziele und Zukunftsideale. Der melodische Dreiklang schlägt mir entgegen, hängt überall. Auch zwischen den angestaubten Wänden längst vergangener Zeit. Lachen. Nicken. Grüßen. Ich betrete den Saal mit den hohen Decken. Bänke und Reihen sind angefüllt. Die Atmosphäre gleicht jener, kurz bevor ein Opernstück, ein Konzert beginnt. Stimmengewirr, als würden Instrumente eingestimmt. Ich schreite durch die Gänge – durchaus im Bewusstsein darum, selbst einmal dort gesessen zu haben. Groß, eindrucksvoll und ordentlich übermächtig streckt er sich vor mir aus, der leicht ergraute Philosophenturm mitsamt seinem europäischen Dichter und Denker-Geist. Nun, sie sind es, die mich nach wie vor durch die Gänge zum Podest begleiten – ganz so, als wären sie lebendig. Oder ich ein Relikt der Vergangenheit?! Wer weiß. Tief atme ich abermals ein. Lege meine Unterlagen aufs Pult und schließe kurz die Augen. Schon schwindet der Moment zusammen mit meinem recht idealisierten Gegenhorizont. Und die Glocke schlägt erneut… as time goes by.

Zurück im Gelehrtenkämmerlein vor dem Laptop-Bildschirm. Time may change me but I can’t trace time. Ist es wirklich so, wie David Bowie meint, dass ich nicht mitverfolgen kann, wie mich die Zeit verändert?! Ich schaue die Quadrate an: Ist das klausurrelevant? Die Fragen sind nach wie vor dieselben. Und dennoch… zeigt sich der Geist der Veränderung im Spiegel der Zeit. Und ich begreife: Das einzig beständige ist der Wandel, so jedenfalls heißt es bei Heraklit. Recht hat er damit. Die aktuelle Situation hat uns hineingeworfen – wohl eher katapultiert – in eine neue Kultur der Digitalität, die wir immerhin mitgestalten können. Im Hier. Im Jetzt. Und für die Zukunft. Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser oder schlechter wird. Bloß anders. Und Anders heißt nicht per se gut oder schlecht. Auch wenn ich etwas vom Anderen vermissen mag. Es ist halt einfach der alte Geist im neuen Kleid. Nicht wahr?!

Alter Geist im neuen Kleid?!
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Gedanken

Im Fluss

Vol. 1

Seit Tagen bin ich in meiner Wohnung. Allein. Draußen ächzen die Motoren. Blech an Blech rollt vorbei: Derb, donnernd, dröhnend. Nicht unbedingt als ruhig oder gar schön zu bezeichnen, jener Ort, den ich mir für eine Weile als Bleibe ausgesucht habe. Zeit ist, wie von Einstein gelehrt, nun mal relativ. Und gerade im Moment zieht sie sich wie ein Kaugummi an Chucks. Meine Kontakte nach Außen sind aktuell eher begrenzt und virtueller Natur. Das bedeutet aber nicht, dass meine Freunde vorgetäuscht sind. Im Gegenteil, sie sind ganz real und tatsächlich vorhanden. Bloß nicht hier. Doch auch der Raum ist, wie wir von Einstein wissen, relativ.

Es gibt sie also nicht, jene Grenzen zwischen Da und Dort. Oder Hier und Jetzt bzw. virtuell und real. Sie existieren bloß in unseren Gehirnen. Alles ist im Fluss, heißt es bei Heraklit. Also schreibe ich. Nicht, weil ich Likes will oder brauche. Auch nicht, um noch einen weiteren Text über die Unvermeidlichkeit des Vermeintlichen zu schreiben. Nein, ich schreibe, weil mir das Schreiben einen Ort gibt – voller Fließkraft und Energie. Da bin ich also – als Wort, als Satz, als das Dazwischen im Text. Und wie beim Atmen eröffnet das Dazwischen genau jenen Raum, der die Unendlichkeit in sich birgt: Einatmen. Ausatmen. Innehalten. Lauschen. Die Blechbüchsen rollen indes weiter über den nassen Asphalt. Eine Glocke schlägt. Ihr Hall gleitet auf den Wellen dahin wie ein Surfer über den Ozean. Ich tauche mit ein. Ähnle dabei einem Perlentaucher. Und bilde mir nicht ein, das Wort neu zu erfinden. Vielleicht kleide ich es bloß anders! Oder mich?

Jedenfalls liegt im Akt des Verfassens die Stille greifbar. Die Welt, ihr stetiges Kreiseln, ist auf Pause gedrückt. Der Fluss hingegen setzt seinen Weg zum Meer fort, schriebt Khalil Gibran. Wir sind keine in sich geschlossene Gesellschaft. Kein Stück in einem Akt. Die Hölle, das sind auch nicht die anderen. Auch, wenn bei Satre dazu vielleicht etwas Anderes stehen mag. Wir sind stattdessen die Freiheit, die wir denken. Die Zeit, die wir uns geben. Und der Raum, den wir gestalten. Mit jedem Atemzug, den wir uns geben. Das Ursprüngliche ist unsere Natur: Wie klares, reines Wasser. Nicht die Angst, die zum Dämon wird und uns gefrieren lässt zu Eiszapfen. Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen. Einige wenige, übrig gebliebene Tröpfchen perlen sich an der Scheibe, werden zum Prisma für das Sonnenlicht; es bricht und spiegelt sich. Ich kann es greifen. Zumindest meine ich das. Ist halt relativ. Es klingelt an der Tür und während ich sie öffne, öffnet sich auch etwas in mir. Obwohl, oder vielleicht auch, weil ich am Ende des Tages mal wieder ein gemeinsames, virtuelles Essen unter Freunden haben werde.