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Schlicht: Freiheit.

Vol. 19

Die Leiden des jungen… oder: #LetGoAndDiveInto (Leseprobe)

Hansestadt Hamburg, 29. August 2019

Max,

ich weiß immer noch, dass es weh tat. An sie zu denken tat weh. „Komm, folge mir in meine Welt“, hatte sie gesagt und mir ihre Hand gereicht.

Heute weiß ich: Ihr zu begegnen war unvermeidlich! Genau wie jene Ereignisse, die das erste Treffen nach sich zog. Sie folgten, wie der Schweif dem Kometen. Und rissen mich mit sich hinfort wie ein nachtschwarzer Strudel, in dem ich unterzugehen drohte. Ja, ich weiß noch immer, dass es weh tat. An sie zu denken, tat weh. Tut es noch. Denn das, was folgte, war Schicksal. Es zwang mich zu erkennen, wer ich bin.

Und sie? Die Wände der Häuser vom Regen gesäubert, lief sie durch die Straßen, als wären sie der Golden Pathway ihres Lebens. Sie schien so einfach, voranzuschreiten. Begleitet von einem leisen Rauschen, als fühlte sie einen stillen Song in ihrem Ohr. Sie schien die Angst, die Angst schien sie zu kennen. Und dennoch lief sie weiter voran. Den Grund unter ihren Füßen, kam sie schließlich von dort, wo der Wind stürmend durch die Äste weht. Doch, was wusste ich schon davon?

„Ein Geheimnis bestimmt den Weg, der deine Füße trägt. Sag, hast du kurz Zeit? Dann lass uns reden, über etwas, dass nur wir verstehen. Es könnte den Lauf deiner Welt verändern. Vom Kleinen zum Großen und umgekehrt. Sag, glaubst du auch, dass das nicht der Platz ist, von dem wir träumten? Dann könnte dies der Beginn von allem sein. Und das Ende. Ist das nicht kurios?“, hatte sie zu mir gesagt.

Ihre Augen funkelten silbern und herausfordernd.

Also folgte ich ihr, um mich dem Kernschatten zu stellen.

Tom

Die (Brief-)Novelle umfasst 45 Normseiten, verfasst in moderner Jugendsprache auf Basis von Johann Wolfgang von Goethes Die Leiden des jungen Werther. Der Kernkonflikt des jungen Protagonisten dreht sich um den Umgang mit Tod sowie den damit verbundenen unterdrückten Emotionen, die Entfaltung der eigenen (kreativen) Kräfte und das Streben nach Autonomie. Die insgesamt sechs Kapitel werden mit Zitaten aus Goethes Werther eingeleitet, um die sprachlichen Unterschiede hervorzuheben. Zielgruppe sind Jugendliche (13-17) sowie (junge) Erwachsene. Die Novelle ist Teil einer Reihe, die sich auf Referenzwerke der Klassiker bezieht und ist u.a. für den Einsatz im Bildungskontext in moderner Jugendsprache aufbereitet. Innovativ an der Novelle ist der Bezug zur aktuellen Lebenswelt sowie der zeitlose Stil der klassischen Storyline und die real-authentischen Aussagen von Schüler:innen zum Thema Freiheit.

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Schlicht: Liebe.

Vol. 18

Romeo und Julia… once again! (Leseprobe)

Neuer Fremder

“Geist: In Lebensfluten, in Tatensturm // Wall ich auf und ab, webe hin und her! // Geburt und Grab, // Ein ewiges Meer, ein wechselnd Weben, // Ein glühend Leben. So schaff’ ich am sausenden Webstuhl der Zeit, //und wirkte der Gottheit lebendiges Kleid. Faust: Der du die weite Welt umschweifst, // Geschäftiger Geist, wie nah fühl’ ich mich dir! //Geist: Du gleichst dem Geist, den du begreifst, // Nicht mir!” (Johann Wolfgang von Goethe, Faust I)

Stoßweise atmend, zuckte ihr Körper. Ihre blicklosen Augen, schauten in die Leere. Das Gesicht so bleich, wie ein Leichentuch. Weißer Schaum trat aus ihrem Mund.

»So tu doch was, Rav« Die hysterische Mädchenstimme verlor sich im Nebel.

Mit einem letzten kraftvollen Schlag drückte sich ihr Herz gegen die Brust. Wum. Schon wurde sie von der Dunkelheit verschluckt. Jetzt kam der Tod. Also doch.

***

Freitag. Fünf Tage vorher.

Ein gleichmäßiges Rauschen drang zu ihrem Ohr. Es regnete – und das sehr stark. Und schon seit Tagen. Grau‘ in graue Wolkenfetzen wollten den Blick ins Mai-Blau einfach nicht freigeben. Dicke Tropfen seilten sich wie gelangweilte Regenwürmer von den hohen Fensterscheiben.

Warum regnet es ausgerechnet jetzt so viel, überlegte Li. Dabei wollte sie doch. Aber das ging jetzt nicht. Stattdessen träumte sie sich in ein fernes Land.

In meiner Fantasie, da existiert ein perfekter Ort. Aus Farben, so vielfältig wie der schönste Regenbogen. Ein schillernder Ort aus Diamanten. Inmitten eines Herzens aus Grün. Dort stehe ich. Lasse meine Gedanken auf die Erde regnen. Und blinzle. Irgendwas fort. Schon blickt es sich klarer. Glück zulassen ist eine Kunst, die anmutig achtsamer Lebenskraft bedarf, denke ich. Ergibt das Sinn? Die Blätter des Tanns um mich herum, ein Prisma. Lenken um. Wellenförmig. Ein optischer Effekt. Sieht aus, wie frittierte Sonnenstrahlen. Und ich, ein ruhender Tiger im Gehölz. Bereit, mit dem Wind zu springen. Wenn sich der nächste Schritt zeigt. Aktion und Reaktion – ein Wechselspiel. Das dem Licht gleicht. Weil es über Grenzen reicht. Ist man erst einmal mutig genug. Zu riskieren. Da das Kämpfen heißt. Für die eigenen Ziele. Doch manchmal, da lässt das Leben warten. Dabei wollte ich. Und doch geht’s einfach nicht weiter. Weil Ruhe drin ist. Stille im Herzen heißt aber nicht, dass das Leben eine Pause macht.

Ein Klopfen schreckte die 17-jährige aus ihren Tagträumen. Sie erwachte. Schlagartig kehrte ihr Fokus zurück in den Unterricht. Und ihr Blick wanderte blinzelnd zur Tür. Herein trat die hagere Gestalt des Konrektors. Wie immer trug er seinen dunklen Anzug mit der veralteten Würde eines Lateingelehrten zur Schau. In dem hochgewölbten Klassenzimmer des roten Backsteinbaus an der langgezogenen Allee, wirkte er wie die verblasste Kopie einer Figur aus einem mittelalterlichen Bühnenstück. Nicht ohne Grund hatten ihn die Schüler heimlich Pater Noster getauft.

»Guten Morgen«, sprach Dr. Wagener eintretend. Die freundlich kühle Reserviertheit seiner Stimme füllte den Raum nicht wirklich aus; machte ihn bloß etwas grauer. Wie ein zurückgelassener Regenschirm stand er vor dem Whiteboard. Und warf seinen prüfend musternden Adlerblick aus blassblauen Augen auf die Oberstufenschüler. Einige versteckten sich hinter ihren Tablets; nutzten diese ganz offensichtlich so, wie Captain America sein Schutzschild. Bei seinem Anblick musste Li unwillkürlich an den unzufriedenen Dr. Faust denken und wie Goethe ihn beschrieben hatte:

„Da steh‘ ich nun, ich armer Tor! // Und bin so klug, als wie zuvor; // Heiße Magister, heiße Doktor gar, //Und ziehe schon an die zehen Jahr, //Herauf, herab und quer und krumm, //Meine Schüler an der Nase herum“ //

Herr Wanko, der sympathische Mathereferendar, hielt inne und überließ dem stellvertretenden Schulleiter die Bühne. Der Kontrast zwischen beiden Generationen hätte nicht augenscheinlicher sein können.

»Ich möchte Ihnen Ihren neuen Mitschüler vorstellen«, fabulierte der Konrektor nasal. Und wirkte umso mehr wie ein stocksteifer Gelehrter. Einer, der sich für den Erhalt der guten alten Sitten berufen fühlte.  

Das Rauschen des Regens wurde vom Gemurmel der Schüler unterbrochen. Lis Augen wanderten neugierig geworden abermals zur Tür. Tritt jetzt Mephistopheles auf die Bühne, dachte sie und musste kichern.

»Raven Montag wird ab sofort zusammen mit Ihnen die 12. Klasse besuchen und am Unterricht teilnehmen«, sprach Dr. Wagener und winkte bestimmt. Die Geste wirkte nicht wirklich einladend. Dennoch trat jemand aus dem Schatten des Türrahmes hervor.

Raven? Rabe! Was ist das denn für ein spuki Name? Li warf einen Blick. Und schnappte nach Luft. Ihre Augen weiteten sich. Des Pudels Kern trat in den Raum.

Eine Novelle angelehnt an William Shakespeares Romeo und Julia sowie an Johann Wolfgang von Goethes Faust I. Kernthemen: Fremdenhass, Liebe, Streben nach Autonomie und und Entfaltung der eigenen Potentiale. Geeignet für Leser:innen ab 14 Jahre.

Schlicht: Liebe. (bod.de)

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Schlicht: Magie

Vol. 17

Die Zauberflöte – oder: Ein modernes Märchen über den Zauber der Liebe (Leseprobe)

„O ew’ge Nacht! Wann wirst du schwinden? Wann wird das Licht mein Auge finden? –„

Einst lebte in einem Land ein Prinz. Er war jung und schön, doch sein Herz verschlossen. Wenn er über den Boden schritt, glaubte man, er schwebe. Er war nie ganz da und nie ganz dort. Seine Füße berührten die Erde, doch er spürte den Grund unter ihnen nicht. Wenn er sprach, redete er von Dingen, die er wusste. Das geübte Ohr aber hörte, dass er das Gesagte nicht mit dem Herzen durchdrang. Dabei hätte man meinen können, es sollte ihm an nichts mangeln. Dort, in dem magischen Land der kleinen Leute. Jenen, die die Wiesen und Wälder bewohnten. Sie waren den Menschen ganz nah. Zwischen Sträuchern und Büchen versteckten sich ihre Häuschen. Ganz verträumt, inmitten einem Meer aus Sonnenstrahlen. Und wie es sich für ein so märchenhaftes Reich gehörte, wurde es regiert von einem König und seiner Königin. Sie ritten auf Libellen, würdevoll und stolz. Tag für Tag aufs Neue ritten sie aus und bestaunten ihr schönes Land. Die kleinen Leute grüßten freudig, denn die beiden Monarchen bildeten eine Balance. Alle waren gleichgestellt. Es gab keine Überlegenheit. Ein jeder tat, was er oder sie am besten konnte. Nur der Prinz wusste nicht so recht, was seine Leidenschaft und Stärken waren. Die Freude und das Strahlen, das ihn umgab, nahm er nie ganz wahr. Er ritt auf seiner Libelle über das Land der kleinen Leute, grüßte und sprach mit ihnen. Doch verstehen konnte er ihr Tun nicht wirklich.

Vielleicht wäre das so geblieben, wäre nicht eines Tages etwas geschehen, dass den Lauf der Dinge ändern sollte…

Geeignet für Kinder und Jugendliche ab 8 Jahre.

Schlicht: Magie. (bod.de)

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Gedanken

Schlicht: Magie.

Vol. 17

Du bist wie die Stille in der Weite; eine unberührte, wilde Kraft. Ein Geschenk der Natur. Nichts würde ich verändern an dir. Niemals. Raum möchte ich dir schenken, damit du genau so sein kannst, wie du bist. Zeit möchte ich dir geben, damit ich dich erfahren kann. Nichts will ich verändern. Genau so, wie du bist, will ich dich in Erinnerung behalten. Du raubst mir den Atem und zugleich dehnt sich etwas in mir – schenkt mir das Gefühl, richtig zu sein. Ich werde dich nicht halten. Vielmehr lasse ich dich los – im tiefem Vertrauen. Ob du kommst oder nicht – es wird nichts daran ändern. Alle Freiheit der Welt gehört dir. Manchmal bin ich schüchtern – dabei möchte ich dich einfach nur ansehen. Dich genießen, wie ein kostbares Geschenk des Universums an mich. Zeit ist relativ, heißt es. Seitdem ich dich kenne, verstehe ich das. Die Zeit, sie geht baden und ich zusammen mit ihr. So lange es eben dauert. Ich lasse es geschehen. Lasse mich treiben. Wie kann es sein, dass du so bist, wie du bist? Wie kann es sein, dass wir uns so ähnlich sind? Wie kann es sein, dass ich das Gefühl habe, dich längst und lange schon zu kennen – als habe der allererste Augenblick genügt? Wie kann es sein, dass ich dich nicht halten will? Nichts daran möchte ich verändern. Kein Wort möchte ich darüber verlieren, weil dieser Zauber ganz ohne Worte passiert. Als wäre da eine Magie. Eine Kraft, die uns verbindet – jenseits von Raum und Zeit. Sie fließen – ich lasse es geschehen. Und dann spüre ich sie, diese Momente – jede Nanosekunde davon. Sie explodieren wie Sterne und eröffnen die Tür zu einer neuen Dimension. Wollen wir gemeinsam eintreten? Oder sind wir das bereits schon?

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dance me to the moon

Vol. 16

Ich überlasse es den Lesern, die zugrunde liegenden Denk- und Handlungsmuster selbst zu erschließen, während die nachfolgenden Zeilen eine Tanzstunde in der Retrospektive beschreiben. Sie steht unter dem Motto: Schlimmer geht immer! Und lässt mich mit dem Gedanken zurück: Tango, was stimmt nicht hier? 

Meine Tango-Tanzpartner-Erfahrung in dem Bundesland, wo ich zur Zeit lebe, changiert zwischen: Antonio, the absolute Beginner, Banderas, und Fred, die flotte Sohle, Astaire. Tja, was soll ich sagen… da bin ich also: Meine Erwartungshaltung mit meiner Erfahrung in Einklang zu bringen, scheitert jämmerlich. Vielleicht, weil mein Verstand die Erfahrung einfach nicht wahr haben will oder so.

Fred jedenfalls will’s wissen, könnte man sagen. Er hält mich fest. So fest, dass es mir nicht nur buchstäblich, sondern auch wortwörtlich den Atem raubt. Atemlos durch den Tanzsaal, fühle ich mich wie ein joggendes Bügelbrett im Versuch, Schritt zu halten. Nur der Vollständigkeit-halber sei angemerkt: Es ist mir nicht gelungen. Im Bemühen, mit Fred Schritt zu halten, ziehe ich zwischenzeitlich ernsthaft in Erwägung, meine Tanzschuhe mit Stahlkappen auszustatten; quasi in the army now. Und ja, wir reden immer noch vom Tango. Fred tanzt nämlich gern schnell und mahnt mich – ganz väterlicher Freund – an, meine Beine halt einfach weiter nach hinten zu justieren, während ich beginne, so ne Art Verweigerungshaltung zu trainieren. Das wiederum ist mir recht gut gelungen. Inzwischen sehe ich vermutlich aus, wie ein einsatzbereites Schweizer Klapp-Taschenmesser in Korkenzieherstellung. Meine Augen sprechen sehr wahrscheinlich Bände.

Dazu muss man sagen: Fred ist beharrlich, hält mich offensichtlich für hilfsbedürftig, möglicherweise sogar für leicht begriffsstutzig. Jedenfalls lehrt er mich Tanz-Schritte; vorzugsweise gerne falsch. Meine Begeisterung erschöpft oder vielmehr ersäuft sich zeitweise in verzweifelten Fluchtgedanken. Denn Fred, mit ordentlicher Angriffshaltung, basht beherzt über mich (oder vielmehr über das, was von mir noch übrig ist) hinweg, könnte man so meinen. Er zieht und reißt mich – die gut gemeinten Ratschläge der Tanzlehrer, nebst meiner Bitte, es vielleicht etwas langsamer anzugehen, leger in den Wind schlagend – über die Tanzfläche, als wäre ich ne Schaufensterpuppe. Das ist ebenso neu für mich, wie verstörend. Jenun. Er hat da halt so seine eigenen Vorstellungen vom Tanzen, respektive vom Tango oder so, vermute ich. Tja, was soll ich sagen?! Zufrieden – die kleine Schwester von deprimiert – bin ich mit diesem Kräfteparallelogramm-Erlebnis wahrlich nicht. Fred scheinbar schon. Sehr zu meiner Verwunderung. Aha! Warum nur muss ich an den Film Black Hawk down denken, während ich mich dabei wie ein zusammengeknülltes, nasses Handtuch in der Waschmaschine fühle: Ordentlich durchgeschleudert und schwer, den Blick in ein schwarzes Loch im Boden gerichtet.

Tango ist Gefühl, ist Leidenschaft, heißt es. Vom Augen schließen, Einlassen, Fühlen sind wir, Fred und ich, jedoch so weit entfernt, wie die Erde vom Mars. Die guten alten Zeiten, denke ich melancholisch, wahlweise fassungslos. Dabei ist das gerade mal zwei Jahre her, das ich ziemlich glücklich Ginger Rogers mäßig beim Tango tanzen über die Tanzfläche geschwebt bin. Aber, hej, die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es und das lässt mich zumindest optimistisch in die Zukunft blicken. 

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Gedanken

letter of intent

Vol 15.

„Die Liebe schenkt den Teil erst und dann das ganze All. Die Traube ist erst sauer und dann ein süßer Ball. Und so ist auch die Regel, Herz, wenn der Lenz sich naht: Erst meldet sich die Katze, dann singt die Nachtigall.“ (Rumi „Traumbild des Herzens“)

Während die Zeit mit dir wie im Fluge vergeht, sind es die Momente dazwischen: Still und leise, wie explodierende Sterne.

Nicht alles muss ausgesprochen werden. So vieles ruht zwischen den Zeilen. Und darf sein. Ich habe nicht vor, auch nur eine Tonsilbe der Gesamtmelodie zu verändern. Längst schon habe ich mich eingelassen, auf etwas, das ganz ohne Worte funktioniert. Als Ausdruck dient die Berührung, der Blick und die Schwingung dazwischen. All die kleinen explodierenden Sterne in den Poren der Haut. Und das Berühren wird zur Melodie. Jeder Blick, wie ein Ton, drückt er aus. Lässt den Kuss zur Sprache des Gleichklangs werden. Die Töne dehnen sich, über die Haut, die uns verbindet. So weich, als wäre sie Wasser, tauchen wir ein und beginnen zu kommunizieren – wie ein Tanz zur Melodie. Ein jeder für sich. Beide zusammen. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, drücken wir aus, was wir fühlen. Den Kopf ausgeschaltet, um die Leichtigkeit des Seins zu spüren – als gäbe es keinen Morgen mehr.

Ohne zu fragen, reiche ich dir also meine Hand und überlasse es dir, mir an diesen Ort zu folgen.

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Tertium Comparationis

Vol. 14

„Zu einer Sozialwissenschaft, die sich aus der sozialen Praxis heraus erklärt, gehört nicht allein die Rekonstruktion der Handlungspraxis, welche den Gegenstandsbereich der Forschung konstituiert; ihr zu eigen ist auch die Rekonstruktion der Rekonstruktionspraxis, also die methodisch kontrollierte Sichtung und Systematisierung der Art und Weise, wie empirisch geforscht wird. Jene Rekonstruktion will — so Karl Mannheim — „nur ins methodologische Bewußtsein heben, was bereits allenthalben in der Forschung de facto geschieht“ (1964a, 96). In dieser „praxeologischen Methodologie“ (Bohnsack 2007a, 187 ff.) wird also prinzipiell die Praxis der untersuchten Personen in gleicher Weise rekonstruiert wie die Praxis der Forschenden.“ (Ralf Bohnsack „Die Dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis“)

Bin erst über den großen Teich geflogen. Hab darüber gekreist. Bisschen so, als hätte ich die Orientierung nebst Muster verloren. Bin schließlich hinabgestürzt, wie ein Tropfen gefallen. Sekundenschnell in Zeitlupe eingetaucht. Jetzt sitze ich hier und höre die ganze Zeit das Meer rauchen, in mir. Führe im Inneren Unterhaltungen. Mit einem, dem Unbekannten. Und frage mich, ob er/sie/es mich hören kann?! Wie also erschließe ich mir den Sinngehalt meines gewohnten Handelns und freidenkenden Geistes, frage ich? Wie bringe ich beides zusammen, damit jenes Wissen darüber zustande kommt, wo ich mich gerade befinde.

Das ist so schräg, wie inspirierend. Denn, was übrigbleibt, sind Konturen von Körperlichkeit und Geist. Und dazwischen der Wind, der dem Atem gleicht. Er war es; er hat mich mitgenommen, auf seine Reise. Und streicht, fegt über Blätter hinweg. Lässt neue Gedanken kreisen. Zwischen Tag- und Wachtraum lange gefangen, verbindet ein Drittes nun die Lücke, die sich geschlossen hat. Das Leben, eine Sequenz. In der Retrospektive begreiflich. Eigentlich ein offenes Geheimnis!

Trotzdem muss ich den Kopf schütteln. Über mich. Weil endlich Worte und Buchstaben ein Bild zeichnen, von der Hand die schreibt. Und dem Menschen dahinter. Jetzt, da sich eine Verbindung zwischen dem mir ureigenen und dem nachweislichen Sinn eröffnet hat.

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time travellers

Vol. 13

Jetzt, da ich weiß, zieht vorbei, jene geliehene Zeit. Und ich schreibe Briefe an die Vergänglichkeit. Wie oft fiel der Regen, wusch von den Straßen jene Fußspuren, die wir hinterließen. Tropfen für Tropfen benetzte, wurde zum Ozean vor dem Glas, hinter dem wir standen.

Diese Tage, an denen der Regen kam, machten uns glauben, das Leben sei real. Wir glaubten und nahmen hin, was nur geliehen war. Das Leben ist ein Traum, heißt es bei Pedro Calderón de la Barca.

Meine Hand am Fenster, unberührt – will halten, was nicht greifbar ist. Will fühlen, was nicht spürbar ist. Am Ende lässt sie los. Öffnet die Scheibe und ich tauche hinein, ins Meer der Zeit. Schwimmend, ohne Grund, wird jeder Abschnitt zum Weg und ich zum Reisenden just im time. So also wird aus dem Traum ein Leben und ich neu geboren.

Denn Entstehen und Zerfall, alles ist eins, in jenen Tropfen der Zeit. Doch trägt jeder einzelne von ihnen, sei er auch noch so klein, dazu bei, ein Ozean zu werden.

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0 und 1

Vol. 12

Draußen ist es klirrend kalt. Der Dezember hat Einzug gehalten. Ich sitze in einem Café, schaue sinnierend aus dem Panorama-Fenster. Um mich herum der typische Sound: Leises Stimmengewirr vermischt mit jazzigen Klängen und dazwischen das Brummen der Kaffeemaschine. Vor mir liegt ein Buch von Rumi. „Die Liebe schenkt den Teil erst und dann das ganze All“, heißt es dort. Zusammen mit dem Zitat geht mein Geist auf Reisen.

Vielleicht bin ich naiv. Vielleicht aber will ich den Glauben, die Liebe und die Hoffnung einfach nicht aufgeben. Denn irgendwo da draußen muss es sie doch geben, jene Menschen, die kopf- und bedingungslos lieben. Eigentlich ist das doch gar nicht so schwer, denke ich. Und dennoch…! Liebe 2.1 findet jenseits der gegenständlich-greifbaren Welt statt. So jedenfalls scheint es. Felix Stalder definiert diese neu entstandene „Kultur der Digitalität“ über drei Grundformen: Gemeinschaftlichkeit, Referenzialität und Algorithmizität. Dabei wird unter einem Algorithmus laut wikipedia eine „eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems“ verstanden. Nun gut! Das heißt also: Sie sucht Ihn und als Lösungsweg stehen Online-Plattformen zur Verfügung. Will heißen, irgendwo zwischen 0 und 1 ist er oder sie zu finden. Aha!, denke ich und überlege weiter.

Vor einer Weile beobachtete ich nämlich, wie eine Studentin an der Hochschule fleißig mit ihrem Finger über das Display ihres Smartphones wischte. Mal nach rechts, mal nach links. Schließlich neugierig geworden, wollte auch ich mich dem Trend stellen und eröffnete ein Profil auf einer entsprechenden Plattform. Immerhin wollte ich als Mediendidaktikerin begreifen, worüber alle reden und trat somit beherzt den Selbstversuch an. Und ein bissle neugierig war ich natürlich auch! Da also lag sie mir zu Füßen, die schöne neue Online-Dating-Welt. Bestehend aus optimierten Katalog- und Versandhausprofilen im Hochglanzformat, einschließlich meines eigenen. Nun durfte ich wählen. Bitte schön. Also schaute ich planlos Fremden in die Augen, las ihre Profile und begann das Swipen. Match eins, zwei, drei…! Wow, dachte ich. Das ist ja mega easy! Nun galt es, den ersten Schritt zu wagen und eine short message an den Auserwählten zu senden. Jenun, als Schriftstellerin war das für mich wohl das geringste Problem.

Wirklich interessant lasen sich die Antworten: Sie changierten zwischen vielversprechenden Ein-Wort-Botschaften, leeren Phrasen und epischen Ergüssen über das Ich des Anderen, jedoch ohne jegliche Frage zu mir. Okee, dachte ich! Interessant. Ich mag nämlich ganze Sätze und stehe auf interessierte Fragen. Gib dem Ganzen eine Chance, ermunterte ich mich und wischte in den nächsten drei Tagen fleißig weiter. 0 und 1 müssen doch schließlich wissen, was ich will! Das ganze Wischen und Matchen führte am Ende zu keinem Date, jedoch zu einer klaren Erkenntnis: Einen Menschen wie Kleidung in einem Katalog eilversandfertig und mit Rückgaberecht – im Sinne von return to sender – auszuwählen, ist nicht meins. Jeder Anblick und die Lektüre eines Profils katapultierte mich hinein, ins Leben der Anderen. Versetzte meinen Geist in einen seltsamen Non-Stop-Modus aus permanenter Eingebundenheit und Auseinandersetzung. Und dieser Zustand saugte irgendwie aus, als habe jemand einen Staubsauger angeworfen. Passt der eine nicht, ist’s halt ein anderer. Jenun!

Liebe verstanden als Problem, während 0 und 1 als klar definierte Handlungsvorschrift zur Lösung fungieren?  Doch was macht das mit uns?! Mit unserem Geist? Mit der Liebe und überhaupt? Das Ganze ist doch mehr als 0 und 1, oder? Offensichtlich bleibe ich hier doch eher ein digital dinosaur. Die Kaffeemaschine brummt vernehmlich. Holt mich samt meinem Geist zurück ins Café. Ich schaue abermals auf den Text von Rumi: „Der ist kein Liebender, der nicht bewegt ist wie der Geist, der nicht bei Nacht wie ein Gestirn den schönen Mond umkreist“. Ja, genau so sollte sie sein, die Liebe: Leicht und unbeschwert und mitten im Leben – irgendwo da, zwischen Tiefkühlregal und Dosentomaten in der EDEKA oder so. Sich entfaltend im Tun und zugleich immer schon da, in Raum und Zeit. Nicht fragend, nicht klagend. Ungefiltert. Einfach so die Welt um sich herum fühlend. Easy on me, singt Adele. Ja, genau so. Nicht wahr?! 0 und 1 – ihr könnt mich also mal.

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Gedanken

Erinnere mich

Vol. 11

Ich erinnere mich, als wäre es erst gestern gewesen: Du hieltest mich im Arm. Trugst mich auf Händen. Schautest mich an, als wäre ich das einzig existierende Wunder der Welt. Dein Lächeln erreichte deine Augen, erhellte den Raum, für den Moment. Ich erinnere mich an deinen Geruch, an den Klang deiner Stimme, wenn du meinen Namen nanntest und das Geräusch der Haustür, wenn du nach Hause kamst. An deine Energie im Raum, an dein Lachen und deinen Humor. Ich erinnere mich an unsere Fahrradtouren. Wir sprachen nur selten, trotzdem warst du immer für mich da. Als ich meinen Abschluss machte, weintest du vor Freude. Wenig später führtest du mich zum Ball und schließlich zum Altar. Ich erinnere mich… an dich und daran, wie du warst. Vielleicht waren wir nicht immer einer Meinung. Und dennoch hast du mir geholfen, die zu werden, die ich bin. „Du und ich – wir sind eins“, heißt es bei Mahatma Gandhi. Und ich… ich erinnere mich daran, ein Teil von dir zu sein, während ich eines noch tiefer begreife: Leben ist endlich. Unendlich ist einzig die Erinnerung. Deshalb erinnere ich mich. An dich und daran, wie du warst.