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Gedanken

Schlicht: Magie.

Vol. 17

Du bist wie die Stille in der Weite; eine unberührte, wilde Kraft. Ein Geschenk der Natur. Nichts würde ich verändern an dir. Niemals. Raum möchte ich dir schenken, damit du genau so sein kannst, wie du bist. Zeit möchte ich dir geben, damit ich dich erfahren kann. Nichts will ich verändern. Genau so, wie du bist, will ich dich in Erinnerung behalten. Du raubst mir den Atem und zugleich dehnt sich etwas in mir – schenkt mir das Gefühl, richtig zu sein. Ich werde dich nicht halten. Vielmehr lasse ich dich los – im tiefem Vertrauen. Ob du kommst oder nicht – es wird nichts daran ändern. Alle Freiheit der Welt gehört dir. Manchmal bin ich schüchtern – dabei möchte ich dich einfach nur ansehen. Dich genießen, wie ein kostbares Geschenk des Universums an mich. Zeit ist relativ, heißt es. Seitdem ich dich kenne, verstehe ich das. Die Zeit, sie geht baden und ich zusammen mit ihr. So lange es eben dauert. Ich lasse es geschehen. Lasse mich treiben. Wie kann es sein, dass du so bist, wie du bist? Wie kann es sein, dass wir uns so ähnlich sind? Wie kann es sein, dass ich das Gefühl habe, dich längst und lange schon zu kennen – als habe der allererste Augenblick genügt? Wie kann es sein, dass ich dich nicht halten will? Nichts daran möchte ich verändern. Kein Wort möchte ich darüber verlieren, weil dieser Zauber ganz ohne Worte passiert. Als wäre da eine Magie. Eine Kraft, die uns verbindet – jenseits von Raum und Zeit. Sie fließen – ich lasse es geschehen. Und dann spüre ich sie, diese Momente – jede Nanosekunde davon. Sie explodieren wie Sterne und eröffnen die Tür zu einer neuen Dimension. Wollen wir gemeinsam eintreten? Oder sind wir das bereits schon?

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Gedanken

letter of intent

Vol 15.

„Die Liebe schenkt den Teil erst und dann das ganze All. Die Traube ist erst sauer und dann ein süßer Ball. Und so ist auch die Regel, Herz, wenn der Lenz sich naht: Erst meldet sich die Katze, dann singt die Nachtigall.“ (Rumi „Traumbild des Herzens“)

Während die Zeit mit dir wie im Fluge vergeht, sind es die Momente dazwischen: Still und leise, wie explodierende Sterne.

Nicht alles muss ausgesprochen werden. So vieles ruht zwischen den Zeilen. Und darf sein. Ich habe nicht vor, auch nur eine Tonsilbe der Gesamtmelodie zu verändern. Längst schon habe ich mich eingelassen, auf etwas, das ganz ohne Worte funktioniert. Als Ausdruck dient die Berührung, der Blick und die Schwingung dazwischen. All die kleinen explodierenden Sterne in den Poren der Haut. Und das Berühren wird zur Melodie. Jeder Blick, wie ein Ton, drückt er aus. Lässt den Kuss zur Sprache des Gleichklangs werden. Die Töne dehnen sich, über die Haut, die uns verbindet. So weich, als wäre sie Wasser, tauchen wir ein und beginnen zu kommunizieren – wie ein Tanz zur Melodie. Ein jeder für sich. Beide zusammen. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, drücken wir aus, was wir fühlen. Den Kopf ausgeschaltet, um die Leichtigkeit des Seins zu spüren – als gäbe es keinen Morgen mehr.

Ohne zu fragen, reiche ich dir also meine Hand und überlasse es dir, mir an diesen Ort zu folgen.

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Gedanken

time travellers

Vol. 13

Jetzt, da ich weiß, zieht vorbei, jene geliehene Zeit. Und ich schreibe Briefe an die Vergänglichkeit. Wie oft fiel der Regen, wusch von den Straßen jene Fußspuren, die wir hinterließen. Tropfen für Tropfen benetzte, wurde zum Ozean vor dem Glas, hinter dem wir standen.

Diese Tage, an denen der Regen kam, machten uns glauben, das Leben sei real. Wir glaubten und nahmen hin, was nur geliehen war. Das Leben ist ein Traum, heißt es bei Pedro Calderón de la Barca.

Meine Hand am Fenster, unberührt – will halten, was nicht greifbar ist. Will fühlen, was nicht spürbar ist. Am Ende lässt sie los. Öffnet die Scheibe und ich tauche hinein, ins Meer der Zeit. Schwimmend, ohne Grund, wird jeder Abschnitt zum Weg und ich zum Reisenden just im time. So also wird aus dem Traum ein Leben und ich neu geboren.

Denn Entstehen und Zerfall, alles ist eins, in jenen Tropfen der Zeit. Doch trägt jeder einzelne von ihnen, sei er auch noch so klein, dazu bei, ein Ozean zu werden.

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Allgemein Gedanken

0 und 1

Vol. 12

Draußen ist es klirrend kalt. Der Dezember hat Einzug gehalten. Ich sitze in einem Café, schaue sinnierend aus dem Panorama-Fenster. Um mich herum der typische Sound: Leises Stimmengewirr vermischt mit jazzigen Klängen und dazwischen das Brummen der Kaffeemaschine. Vor mir liegt ein Buch von Rumi. „Die Liebe schenkt den Teil erst und dann das ganze All“, heißt es dort. Zusammen mit dem Zitat geht mein Geist auf Reisen.

Vielleicht bin ich naiv. Vielleicht aber will ich den Glauben, die Liebe und die Hoffnung einfach nicht aufgeben. Denn irgendwo da draußen muss es sie doch geben, jene Menschen, die kopf- und bedingungslos lieben. Eigentlich ist das doch gar nicht so schwer, denke ich. Und dennoch…! Liebe 2.1 findet jenseits der gegenständlich-greifbaren Welt statt. So jedenfalls scheint es. Felix Stalder definiert diese neu entstandene „Kultur der Digitalität“ über drei Grundformen: Gemeinschaftlichkeit, Referenzialität und Algorithmizität. Dabei wird unter einem Algorithmus laut wikipedia eine „eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems“ verstanden. Nun gut! Das heißt also: Sie sucht Ihn und als Lösungsweg stehen Online-Plattformen zur Verfügung. Will heißen, irgendwo zwischen 0 und 1 ist er oder sie zu finden. Aha!, denke ich und überlege weiter.

Vor einer Weile beobachtete ich nämlich, wie eine Studentin an der Hochschule fleißig mit ihrem Finger über das Display ihres Smartphones wischte. Mal nach rechts, mal nach links. Schließlich neugierig geworden, wollte auch ich mich dem Trend stellen und eröffnete ein Profil auf einer entsprechenden Plattform. Immerhin wollte ich als Mediendidaktikerin begreifen, worüber alle reden und trat somit beherzt den Selbstversuch an. Und ein bissle neugierig war ich natürlich auch! Da also lag sie mir zu Füßen, die schöne neue Online-Dating-Welt. Bestehend aus optimierten Katalog- und Versandhausprofilen im Hochglanzformat, einschließlich meines eigenen. Nun durfte ich wählen. Bitte schön. Also schaute ich planlos Fremden in die Augen, las ihre Profile und begann das Swipen. Match eins, zwei, drei…! Wow, dachte ich. Das ist ja mega easy! Nun galt es, den ersten Schritt zu wagen und eine short message an den Auserwählten zu senden. Jenun, als Schriftstellerin war das für mich wohl das geringste Problem.

Wirklich interessant lasen sich die Antworten: Sie changierten zwischen vielversprechenden Ein-Wort-Botschaften, leeren Phrasen und epischen Ergüssen über das Ich des Anderen, jedoch ohne jegliche Frage zu mir. Okee, dachte ich! Interessant. Ich mag nämlich ganze Sätze und stehe auf interessierte Fragen. Gib dem Ganzen eine Chance, ermunterte ich mich und wischte in den nächsten drei Tagen fleißig weiter. 0 und 1 müssen doch schließlich wissen, was ich will! Das ganze Wischen und Matchen führte am Ende zu keinem Date, jedoch zu einer klaren Erkenntnis: Einen Menschen wie Kleidung in einem Katalog eilversandfertig und mit Rückgaberecht – im Sinne von return to sender – auszuwählen, ist nicht meins. Jeder Anblick und die Lektüre eines Profils katapultierte mich hinein, ins Leben der Anderen. Versetzte meinen Geist in einen seltsamen Non-Stop-Modus aus permanenter Eingebundenheit und Auseinandersetzung. Und dieser Zustand saugte irgendwie aus, als habe jemand einen Staubsauger angeworfen. Passt der eine nicht, ist’s halt ein anderer. Jenun!

Liebe verstanden als Problem, während 0 und 1 als klar definierte Handlungsvorschrift zur Lösung fungieren?  Doch was macht das mit uns?! Mit unserem Geist? Mit der Liebe und überhaupt? Das Ganze ist doch mehr als 0 und 1, oder? Offensichtlich bleibe ich hier doch eher ein digital dinosaur. Die Kaffeemaschine brummt vernehmlich. Holt mich samt meinem Geist zurück ins Café. Ich schaue abermals auf den Text von Rumi: „Der ist kein Liebender, der nicht bewegt ist wie der Geist, der nicht bei Nacht wie ein Gestirn den schönen Mond umkreist“. Ja, genau so sollte sie sein, die Liebe: Leicht und unbeschwert und mitten im Leben – irgendwo da, zwischen Tiefkühlregal und Dosentomaten in der EDEKA oder so. Sich entfaltend im Tun und zugleich immer schon da, in Raum und Zeit. Nicht fragend, nicht klagend. Ungefiltert. Einfach so die Welt um sich herum fühlend. Easy on me, singt Adele. Ja, genau so. Nicht wahr?! 0 und 1 – ihr könnt mich also mal.

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Gedanken

Erinnere mich

Vol. 11

Ich erinnere mich, als wäre es erst gestern gewesen: Du hieltest mich im Arm. Trugst mich auf Händen. Schautest mich an, als wäre ich das einzig existierende Wunder der Welt. Dein Lächeln erreichte deine Augen, erhellte den Raum, für den Moment. Ich erinnere mich an deinen Geruch, an den Klang deiner Stimme, wenn du meinen Namen nanntest und das Geräusch der Haustür, wenn du nach Hause kamst. An deine Energie im Raum, an dein Lachen und deinen Humor. Ich erinnere mich an unsere Fahrradtouren. Wir sprachen nur selten, trotzdem warst du immer für mich da. Als ich meinen Abschluss machte, weintest du vor Freude. Wenig später führtest du mich zum Ball und schließlich zum Altar. Ich erinnere mich… an dich und daran, wie du warst. Vielleicht waren wir nicht immer einer Meinung. Und dennoch hast du mir geholfen, die zu werden, die ich bin. „Du und ich – wir sind eins“, heißt es bei Mahatma Gandhi. Und ich… ich erinnere mich daran, ein Teil von dir zu sein, während ich eines noch tiefer begreife: Leben ist endlich. Unendlich ist einzig die Erinnerung. Deshalb erinnere ich mich. An dich und daran, wie du warst.

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Gedanken

Wurzeln und Flügel

Vol. 10

Es ist einer dieser heißen Tage: Die Sonne brennt sich durch die Luft, hinterlässt flirrende Spiegelungen über dem Asphalt. Ich sitze auf einer Veranda, im Schatten. Um mich herum, ein grünes Paradies, ein blühender Garten und Stimmengewirr. Teller, die klappern, Wein, der in die Gläser fließt, das vergnügte Brabbeln einer 2jährigen mischen sich. Der beruhigende Familien-Sound und ich mittendrin. Bloß, dass es nicht meine ist. Ich bin nur der Gast an diesem Tag. Und höre ihren Geschichten zu. Jenen der Vergangenheit, aus denen sich ihre Zukunft spinnt. Wie ein Netz. Zwischen den Zeilen nehme ich wahr, was sie alle zusammenhält: Zwischen all dem Lachen, dem Weinen, dem Streiten und all den Worten – den gut gemeinten und auch den bösen –  füllt er sich an, der Raum, den man Familie nennt über die Jahre. Und meine Gedanken schweifen… denn Hannah Arendt zufolge hat in der bedingten Welt alles zwei Seiten, aber ebenso auch die changierenden Farben dazwischen.

Familie, das ist daher nicht nur ein Wort für eine Kategorie, denke ich. Vielmehr ist es der Beginn. Von mir. Also jenem Menschen, der ich heute bin. Die Summe jener Teile meiner eigenen Vergangenheit. Nicht alles war toll, oder einfach. Und dennoch würde ich alles dafür geben. Für diesen einen Moment, der unvergesslichen Beständigkeit meines eigenen familiären Sounds, der mich als junger Mensch auf meine Reise brachte. Zwei Dinge sollten Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel, heißt es bei Goethe. Und ich begreife: Ohne sie und ihre verrückten, verqueren, teils ordentlich anstrengenden und doch so liebenswerten Eigenheiten wäre ich niemals an den Ort von heute gekommen. Mit anderen Worten: Es ist, wie es ist. Und so akzeptiere ich mich endlich als ein Teil davon; immerhin ist es in der Summe meine Zukunft, die ich selbst gestalte über die Wurzeln meiner eigenen Vergangenheit. Da also sind sie, die Flügel, die wir dann erkennen, wenn wir erst begreifen: (…) so lange du das nicht hast, dieses: Stirb und werde! Bleibst du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde. Wieder so ein Goethe-Zitat, das mir in den Sinn kommt. Selige Sehnsucht hat er das dazugehörige Gedicht genannt. Wie passend, denke ich befreit, denn genau das ist es, was ich empfinde, während ich als stiller Teilnehmer im Kreise dieser Familie sitze und ihrem bunten Treiben lausche. Liebe muss nicht perfekt sein. Sondern echt!

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Gedanken

Zwischen den Zeilen

Vol. 8

„Hier zwischen den Stühlen und den langen Korridoren des Nachmittagslichts den langen langsamen Rosenschatten vor einer weißen Wand tastend nach einem Plan einem Ort“ (Ulla Hahn, So offen die Welt)

Ich sitze in Hamburg, in einem Café… meinem Lieblings-Literatur-Café. Jenes, an der Grindelallee. Ganz in der Nähe der Uni. Vor mir steht ein Cappuccino mit Keks. Die Sonne scheint, wirft Schatten auf den Asphalt. Lautlos. Und dennoch nehme ich Geräusche wahr. Entfernt. Stimmen. Klänge. Eine Tür, die sich öffnet und schließt. Schritte auf dem warm wirkenden Holzboden. Halt der typische Kaffeehaus-Sound. Eine Frau sitzt vor einem Bücherregal, beim Kamin. Neben ihr ein Mann, der Zeitung liest. Die Servicekraft hat die Arme verschränkt.

Alles wirkt so surreal, wie eingefroren.

Worauf warten die bloß alle?

Ich schreibe: Geschäftig. Hektisch. Atemlos. Mein Herz wummert, als wolle es sich Gehör verschaffen. Ich ignoriere es. Lasse es links liegen. Das funktioniert gut. Meine Finger rasen indes weiter über die Tastatur, als wollten sie etwas festhalten. Alles andere scheint wie angehalten. Die Welt dreht sich ein bisschen langsamer um mich herum. Irgendwer hat an der Uhr gedreht. Zeit ist relativ, heißt es.

Bloß deine nicht. Deine ist abgelaufen.

Und das tut weh. Macht mich rasend. Vor Schmerz. Vor Wut. Wobei ich weder das eine, noch das andere spüren kann. Nicht spüren will. Darin bin ich ziemlich gut. Genauso wie im Weitermachen. Ordentlich rennend. Geflissentlich rasend. Als wäre nichts geschehen. Immer weiter, auf die Betonwand zu.

Wam!

Kurz vor dem Aufprall halte ich dann aber doch inne. Und den Atem an. Lausche genauer. Höre das Rauschen. Und die Lebendigkeit um mich herum. Erlebe den Moment. Merke, dass sich die Erde weiterdreht. Und spüre den bitteren Schrei. Jener, der in mir steckt. Ebenso tief, wie fest. Und berstender, als mein Herz an Heftigkeit fassen kann.

Wumm!

Seit Tagen.

Seit Wochen.

Eigentlich sind es Monate.

Nichts im Vergleich zu der Zeit, die ich dort verbracht habe. In Hamburg. In diesem Café. An der Uni. Und überhaupt. Ein ganzes halbes Leben lang… zusammen mit dir.

Langsam setzt mein Atem wieder ein. Ganz ruhig. Besonnen. Bedacht. Sitzt du mir plötzlich am Tisch gegenüber. Hörst mir zu, wie ich lese. Mit einer Ruhe, die selbst den Fels in der Brandung erzittern lässt. Lächelst dein typisches Alles-ist-gut-Lächeln, für das ich dich meistens beneide. Oder dir manchmal einfach den Hals umdrehen kann. Und ich weiß, du bist mit mir. Im Leben, wie in der Story. Und mir wird klar: Nicht die anderen sind es, die warten.

Darauf, aus der endlos Schleife befreit zu werden.

Darauf, dass sich das Leben weiterdreht.

Darauf, dass verdammt nochmal endlich die Tür aufgeht.

Darauf, dass DU einkehrst.

Doch das wird nicht passieren. Zumindest nicht in dieser Realität. Denn heute vor exakt 90 Tagen bist du von uns gegangen. Einfach so und einfach ohne Grund oder Corona-Infektion. Viel zu schnell. Viel zu früh. Viel zu jung. Ohne ein Wort des Abschieds zu hinterlassen. Dazu nämlich ist es nicht mehr gekommen. Fast schon ein bisschen typisch für dich. Genau wie deine Sunshine-Haltung. Ehrlich man, ich kenne sonst niemanden, der pfeifend und singend durch die Uni-Gänge schreitet, den Swing im Ohr und jede Menge Comics im Kopf. Mit diesem Gang: Federnd-geschmeidig, wie eine grinsend-philosophierende Katze auf Dope… Bonsche verteilend! Natürlich. So jedenfalls habe ich dich kennengelernt; damals, als ich mein Studium angefangen habe an der Hamburger Universität. Du hast Hamburg für mich zu einem Ort gemacht, den ich heute noch immer meine Heimat nenne.

Du und die Uni!

Du und Hamburg!

Eine Enität. Für dich. Für mich.

Du und tot!

Und die Uni-Korridore schweigend.

Ganz ehrlich, das ist schräg. Sehr sogar. Wie du wohl darüber denkst?! Das habe ich mich so oft gefragt. Wer wird mir jetzt eine Antwort geben?

Immer dann, wenn du über etwas schreibst und vorliest, dann bist du verbunden, hast du mal zu mir gesagt. Ich höre deine Worte, als wärst du noch da. Begreife auf einmal, ganz so als wäre in mir ein Licht angegangen. Und während ich diese Zeilen schreibe, rollt mir etwas über die Wangen, das mein Gesicht befeuchtet. Im Geiste aber sitze ich in einem Café. In unserem Lieblings-Literatur-Café. Dort, wo alles angefangen hat: Das mit uns und den Lesungen. Und überhaupt: Meine Liebe zu dir. Dort also sitze ich gerade und schreibe… dir. Dann nämlich lebst du weiter. In mir. Und für die Ewigkeit, bis wir uns Wiedersehen. Da oder dort. Und hier, zwischen den Zeilen.

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Gedanken

Immer kurz, nie ganz

Vol. 7

Es ist Nacht, und mein Herz kommt zu dir, hält’s nicht aus, hält’s nicht aus mehr bei mir“, lauten die ersten Zeilen eines Gedichts von Christian Morgenstern. Ich stehe am Fenster, schaue hinaus: Unter mir der noch nasse Asphalt. Über mir ein funkelnd Sternenzelt. Weit und breit nicht ein Geräusch. Mir ist, als habe die Welt angehalten. Um diese Zeit schweigen selbst die Treibstoff fressenden Motoren. Und die Luft ist angefüllt von etwas, das nicht benannt werden braucht. Also blicke ich in die schöne Ewigkeit. So lange sie dort oben weilen, sind wir nicht allein. Können nach ihnen greifen. Haben einen Traum. Ich schließe die Augen und sende meine Gedanken auf eine Reise, die ich selbst gerade nicht antreten kann. Und schreibe diese Zeilen in den Wind. Wie Zaubertinte auf Papier, erfüllen meine Gedanken den Raum über und unter mir: 

Jeden Wunsch erfülle ich dir, weil ich möchte, dass es dir gut geht. Weil ich will, dass du dich geliebt fühlst. Meine Liebe spürst, ohne, dass sie dich erdrückt. Ich möchte sein, wie eine Feder , die dich begleitet – ein Symbol für die Freiheit in der Liebe. Ich möchte dir ein Meer aus Freude sein, eine wärmende Umarmung. Und ein Lachen, wie das Kitzeln eines Schmetterlings, dessen Flügelschläge dich berühren. So möchte ich dich berühren mit meiner Seele. Ich verlange nichts, außer deiner Nähe – innen wie außen. Genauso möchte ich mich dir schenken: offen, als liebendes Wesen. Rein, in meinem grenzenlosen Sein, reiche ich dir meine Hand, ohne Drängen im Blick. Bloß mit der stillen Botschaft darin: Ich liebe dich. Für immer dein.

Während meine Worte reisen – lange schaue ich ihnen nach – setzt feiner Regen ein. Leise Tropfen perlen; auf die Hand, auf die Scheibe. Ich hab’ dich immer kurz, nie ganz, singen Revolverheld und drücken aus, was ich fühle. Auch ich spüre mit jedem Atemzug die kilometerschwere Distanz, die zwischen uns liegt. Wir wissen nicht, was kommt. Noch können wir eingreifen, in einen Prozess der von Außen bestimmt, ob und wann wir uns wiedersehen – gerade jetzt in dieser Zeit. Und trotzdem sind wir verbunden. Denn so lange sie dort oben weilen, sind wir nicht allein. Nicht hier, nicht Jetzt. Zu keiner Zeit.

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Gedanken

Anschein von Normalität

O du runde Welt, mein Herz ist so klein wie ein Stückchen Kohle. Ist es weiträumiger als du? Ich weiß, wie begrenzt du bist!

Das Auto zitterte, und ich dachte, wie eng begrenzt die Welt doch ist. Mir war ganz beklommen zumute, ich bekam kaum Luft. Heute wurden Männer im Fernsehen gezeigt, die aus ihren Wohnungen in Baida geführt wurden, einem Dorf, das immer noch von der Armee und der Sicherheit umstellt ist. Auf dem Platz mussten die Männer sich auf den Boden legen, die Hände wurden mit dünnen Plastikschnüren zusammengebunden, die scharf wie Messer in die Haut schnitten. Das Bild ließ mich nicht mehr los. Die Gesichter waren gegen den Asphalt gedrückt, die Rücken zum Himmel gekehrt

(Samar Yazbek (2013): Schrei nach Freiheit. Bericht aus dem Inneren der syrischen Revolution. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 40).

Vol. 6

Mir ist, als würden alle Farben verschwinden. Zumindest für den Augenblick. Ein Zeitraffer liegt über der Szenerie. Wenigstens meine ich das. Ich lausche. Es ist so still im Raum, als hätten wir aufgehört zu atmen. Eine fallende Stecknadel wäre gewiss beim Aufschlag zu hören zu gewesen. Einzig wahrzunehmen, diese Stimme: Klar, sachlich, ruhig.

Warum nur sitze ich hier? Was hat mich bloß dorthin geführt? In jenen Raum, der ganz plötzlich ganz klein zu werden scheint – kleiner, als meine Hand an Größe packen kann. Wohl, weil ein jeder von uns gekommen war, um zu verstehen. Verstehen, wie es nur zu diesem Blutbad hatte kommen können. Neben mir sitzen meine Freunde. Sie kommen aus Syrien, hören zu. Nicht minder gebannt. Genau wie ich und der Rest, der Anwesenden. Die Stille im Raum ist fühlbar angefüllt von Bildern. Und ein Krieg greifbar. Einer mehr, den ich nicht fassen kann. Darüber liest die charismatische Autorin, Samar Yazbek, und erzählt uns von ihrer Flucht aus Syrien, die sie eindrücklich in ihrem Buch beschreibt. Es entstehen Fragen in mir: Was wohl haben meine Freunde auf ihrem langen Weg von Syrien nach Deutschland erlebt? Und was dort vor Ort?

Warum also sitze ich hier – ebenso einfach, wie schlicht zu beantworten: Um eine Antwort auf die Frage zu finden, die mich seit vielen Jahren bewegt: Wie wollen wir leben in einer Welt, die Samar Yazbek aus ganz bestimmten Grund als eng begrenzt empfindet? Einer Welt, in der wir Menschen doch eigentlich alle zusammenleben und uns als Teil verstehen. Und doch passieren Dinge, die das Herz treffen und es zu einem Stückchen Kohle werden lassen. Was ist nur passiert? Unter anderem davon erzählt die Autorin und antwortet auf die Fragen der deutschen Übersetzerin zur Lage in Syrien. Sie spricht darüber, dass das Regime Baschar-al-Assads schon immer als eines der repressivsten in der arabischen Welt gegolten hat (siehe Einband des oben genannten Buches). Für diesen und andere Gedanken musste sie jedoch ihr Heimatland verlassen und ins Exil flüchten. Dabei hatte der arabische Frühling doch so hoffnungsvoll begonnen.

Später am Abend, nach der Lesung, sitzen wir im Sommergarten des Literaturhauses. Eine sanfte Brise weht samtweich durch die Blätter, fächert sie auf, streift streichelnd über sie hinweg und verfängt sich ein bisschen in meinen Haaren. Ausgelassene Stimmen, Soul und Lachen mischen sich im Lau eines sommerlichen Abends, ganz so als wäre Monet am Werk gewesen. Der Kontrast zum Vorher hätte nicht friedvoller, nicht farbgewaltiger sein können – ganz besonders für meine syrischen Freunde. Und für einen kurzen Augenblick entsteht in uns und um uns herum der Anschein von „Normalität“ – was auch immer das meint. Die Frage, was hinter meinen Freunden liegt, wird in dieser Sommernacht nicht mehr angeschnitten. Die Antwort darauf ist ohnehin ganz einfach und nachvollziehbar: Wer eine Flucht aus seiner Heimat auf sich nimmt, die ihn das Leben kosten kann, der hat sehr gute Gründe dafür. Die Augen sprechen ohnehin aus, was nicht gesagt werden kann. Und Samar Yazbek hatte eben erst darüber gelesen. In jenem kurzen Augenblick aber, waren wir schlicht und einfach vier junge Menschen, die sich als Teil einer Welt verstanden, die aus den Fugen geraten war. Doch für den Moment war die enge Welt weit, das Leben normal und wir, einfach so, als Teil davon, miteinander verbunden.

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Politische Macht & Philosophie

Vol. 4

Und ich dachte gerade, dies sei die beste Entscheidung meines Lebens, als mein Kollege mein Büro betrat – damals, vor 20 Jahren, im September 2001.

„Dein Freund lebt doch in New York, oder?“, sprach der sonst so eloquente Spanier mit diesem Tonfall. Jenem, den man nutzt, wenn man … Nun ja! Sein Teint glich einem ausgepackten Babybel und er einem Jackenständer in schwarz. Etwas von ihm schwappte in den Raum. Oder besser, über mich hinweg.  

„Ja!“, antwortete ich. Und dachte… Oh Gott! Plötzlich erfasst von dieser seltsam eisgrau winterlichen Starre, die so gar nicht zu meinem Indian-Summer-Feeling passen wollte. Immerhin hatte ich gerade diese eine, lebensverändernde Entscheidung getroffen.

„Dann solltest du dir DAS anschauen!“ Ungefragt annektierten seine Hände meine Tastatur und tippten wild, ja beinah hysterisch, darauf herum; schienen jedoch genau zu wissen, was sie taten.

Eine Site öffnete sich. Was sich dort, vor mir am Bildschirm abspielte, nahm ich dann jedoch eher bubble artig wahr – irgendwie gefangen zwischen nicht-glauben und nicht-begreifen können oder wollen. Und noch einem Gefühl, das ich – selbst heute – noch immer nicht beschreiben kann.  

Ich hörte aufgeregte Schreie, ohrenbetäubende Sirenen. Sah eine rauchende Fontäne, einen brennenden Turm. Wollte mich bewegen, mein Mobile greifen. Klebte jedoch fest. Am Bildschirm. Im Augenblick. Jenem, der die Welt veränderte. Und damit ungefragt auch mein Leben.

Als der erste Turm einstürzte, stürzte auch etwas in mir zusammen wie ein Traumgebilde: Ein Bild. Ein Gefühl. Lösten sich auf.

Puff!

Der zweite Turm folgte.  

Von Herfried Münkler als die Neuen Kriege bezeichnet, erhält das Kampfgeschehen im beginnenden 21. Jahrhundert mit jenem Tag im September 2001 eine andere Erscheinungsform; eine Art Upgrade an entmenschlichter Radikalität. Es sind nun nicht mehr Staaten, die sich bekämpfen. Vielmehr richten Terroristen und Warlords ihre Gewaltakte direkt an zivilen Menschen aus. Belebte Plätze werden zum Ziel, Medien zum Schauplatz und wir zu Zeugen einer neuen Ära: Das Verbreiten von Angst als Mittel zum Zweck in einer global vernetzten Welt. Wir sind keine in sich geschlossene Gesellschaft mehr. Was weltweit passiert, verfolgen wir live. Und es ist an uns, tagtäglich mit der Bedrohung, der Angst, den Bildern, den Geschehnissen umzugehen, sie zu hinterfragen – ein jeder auf seine Art.

Im Frühjahr 2019 gingen mein Freund und ich zusammen in Manhattan spazieren. Wir tauchten ein in die pulsierende Menge, ließen uns treiben als wären wir zwei Adler in luftigen Strömen. Ein feiner Wind wehte wispernd und flüsternd durch die Straße, warnte mich jedoch nicht. Als wir an einem Platz ankamen, stockte mir plötzlich der Atem. Eigentlich hätte ich es wissen müssen! Eigentlich. Und dennoch… stand ich ahnungslos dort. Meine Glieder, schwer wie Blei, drückten mich zu Boden. Mir war, als würde ich in die Tiefe gerissen. Ich fühlte Schreie, dumpfe Aufschläge – nicht nur buchstäblich, sondern auch wortwörtlich, als sei ich selbst ein Teil davon. Von etwas Unerklärlichem erfasst, schossen mir Tränen in die Augen.

„Spürst du es auch?“, fragte mich mein Freund.

„Was ist das?“ Meine Stimme klang eigentümlich fremd in meinen Ohren.

„DAS ist Ground Zero!“

Ich spürte es, hatte den Bodennullpunkt jedoch nur nicht sofort erkannt.

In Platons Staat heißt es: „Wenn nicht entweder die Philosophen Könige werden oder die Könige und Machthaber sich wahrhaft und ausreichend mit der Philosophie befassen und dies nicht in eins zusammenfällt, politische Macht und Philosophie, gibt es kein Ende der Übel für unsere Städte, ja nicht für die Menschheit insgesamt.

Und so frage ich mich: In was für einer Welt wollen wir leben?! Schließlich sind wir doch Hanna Ahrendt zufolge, ein Mensch unter Menschen und müssen nicht hinnehmen, sondern können die Umstände, in denen wir leben, durchaus gestalten. Heiligt der Zweck knapp 20 Jahre nach den Ereignissen von 2001 noch immer das Mittel? Oder ist es nicht vielmehr die Liebe zur Weisheit, die in Balance bringt, was wir gerade jetzt aktuell erfahren?

Irgendwo also, zwischen Machtgewinn, Machterhalt, dem Weg zum Supermarkt und einer verschwörerischen Theorie muss sie doch liegen, die Wahrheit! Oder etwa nicht?!