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Gedanken

Immer kurz, nie ganz

Vol. 7

Es ist Nacht, und mein Herz kommt zu dir, hält’s nicht aus, hält’s nicht aus mehr bei mir“, lauten die ersten Zeilen eines Gedichts von Christian Morgenstern. Ich stehe am Fenster, schaue hinaus: Unter mir der noch nasse Asphalt. Über mir ein funkelnd Sternenzelt. Weit und breit nicht ein Geräusch. Mir ist, als habe die Welt angehalten. Um diese Zeit schweigen selbst die Treibstoff fressenden Motoren. Und die Luft ist angefüllt von etwas, das nicht benannt werden braucht. Also blicke ich in die schöne Ewigkeit. So lange sie dort oben weilen, sind wir nicht allein. Können nach ihnen greifen. Haben einen Traum. Ich schließe die Augen und sende meine Gedanken auf eine Reise, die ich selbst gerade nicht antreten kann. Und schreibe diese Zeilen in den Wind. Wie Zaubertinte auf Papier, erfüllen meine Gedanken den Raum über und unter mir: 

Jeden Wunsch erfülle ich dir, weil ich möchte, dass es dir gut geht. Weil ich will, dass du dich geliebt fühlst. Meine Liebe spürst, ohne, dass sie dich erdrückt. Ich möchte sein, wie eine Feder , die dich begleitet – ein Symbol für die Freiheit in der Liebe. Ich möchte dir ein Meer aus Freude sein, eine wärmende Umarmung. Und ein Lachen, wie das Kitzeln eines Schmetterlings, dessen Flügelschläge dich berühren. So möchte ich dich berühren mit meiner Seele. Ich verlange nichts, außer deiner Nähe – innen wie außen. Genauso möchte ich mich dir schenken: offen, als liebendes Wesen. Rein, in meinem grenzenlosen Sein, reiche ich dir meine Hand, ohne Drängen im Blick. Bloß mit der stillen Botschaft darin: Ich liebe dich. Für immer dein.

Während meine Worte reisen – lange schaue ich ihnen nach – setzt feiner Regen ein. Leise Tropfen perlen; auf die Hand, auf die Scheibe. Ich hab’ dich immer kurz, nie ganz, singen Revolverheld und drücken aus, was ich fühle. Auch ich spüre mit jedem Atemzug die kilometerschwere Distanz, die zwischen uns liegt. Wir wissen nicht, was kommt. Noch können wir eingreifen, in einen Prozess der von Außen bestimmt, ob und wann wir uns wiedersehen – gerade jetzt in dieser Zeit. Und trotzdem sind wir verbunden. Denn so lange sie dort oben weilen, sind wir nicht allein. Nicht hier, nicht Jetzt. Zu keiner Zeit.

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Sandkörner im Getriebe

Vol. 3

Goethe zufolge haben wir Zeit genug, wenn wir sie nur richtig verwenden. Sind wir bloß Sandkörner im Getriebe der Zeit? Wenn dem so wäre, könnten wir doch aber nicht lieben, nicht träumen von einer besseren Welt. Sand rieselt durch die Hände. Das Leben tut es auch. Auf Sand gebaut, leben wir Tag für Tag. Spüren, wie es durch die Finger gleitet: Sagenhaft Sanft. Sinnbildlich Schnell. Hinterlassen wir Spuren wie fingerprints auf der Haut. Ein Nachklang, ein Schattenbild jener Liebe, die wir sind. Tempus fugit. Amor manet, heißt es. Und sieht man erst durchs Augenglas der Liebe, ergibt alles einen Sinn: Ein Schloss aus Sandkörnern gebaut – eins und eins und noch ein Weiteres eröffnet doch so vieles. Für den Moment, für die Ewigkeit. Ein einziges Wort durch eine Tat erhellt, verbindet der Klebstoff bis in die Unendlichkeit. Und schon ein einzelnes Sandkorn reicht. Denn in einem Augenblick gewährt die Liebe, was Mühe kaum in langer Zeit erreicht, sagt jedenfalls Goethe. Und ich fühle, was er meint.