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Gedanken

Im Fluss

Vol. 1

Seit Tagen bin ich in meiner Wohnung. Allein. Draußen ächzen die Motoren. Blech an Blech rollt vorbei: Derb, donnernd, dröhnend. Nicht unbedingt als ruhig oder gar schön zu bezeichnen, jener Ort, den ich mir für eine Weile als Bleibe ausgesucht habe. Zeit ist, wie von Einstein gelehrt, nun mal relativ. Und gerade im Moment zieht sie sich wie ein Kaugummi an Chucks. Meine Kontakte nach Außen sind aktuell eher begrenzt und virtueller Natur. Das bedeutet aber nicht, dass meine Freunde vorgetäuscht sind. Im Gegenteil, sie sind ganz real und tatsächlich vorhanden. Bloß nicht hier. Doch auch der Raum ist, wie wir von Einstein wissen, relativ.

Es gibt sie also nicht, jene Grenzen zwischen Da und Dort. Oder Hier und Jetzt bzw. virtuell und real. Sie existieren bloß in unseren Gehirnen. Alles ist im Fluss, heißt es bei Heraklit. Also schreibe ich. Nicht, weil ich Likes will oder brauche. Auch nicht, um noch einen weiteren Text über die Unvermeidlichkeit des Vermeintlichen zu schreiben. Nein, ich schreibe, weil mir das Schreiben einen Ort gibt – voller Fließkraft und Energie. Da bin ich also – als Wort, als Satz, als das Dazwischen im Text. Und wie beim Atmen eröffnet das Dazwischen genau jenen Raum, der die Unendlichkeit in sich birgt: Einatmen. Ausatmen. Innehalten. Lauschen. Die Blechbüchsen rollen indes weiter über den nassen Asphalt. Eine Glocke schlägt. Ihr Hall gleitet auf den Wellen dahin wie ein Surfer über den Ozean. Ich tauche mit ein. Ähnle dabei einem Perlentaucher. Und bilde mir nicht ein, das Wort neu zu erfinden. Vielleicht kleide ich es bloß anders! Oder mich?

Jedenfalls liegt im Akt des Verfassens die Stille greifbar. Die Welt, ihr stetiges Kreiseln, ist auf Pause gedrückt. Der Fluss hingegen setzt seinen Weg zum Meer fort, schriebt Khalil Gibran. Wir sind keine in sich geschlossene Gesellschaft. Kein Stück in einem Akt. Die Hölle, das sind auch nicht die anderen. Auch, wenn bei Satre dazu vielleicht etwas Anderes stehen mag. Wir sind stattdessen die Freiheit, die wir denken. Die Zeit, die wir uns geben. Und der Raum, den wir gestalten. Mit jedem Atemzug, den wir uns geben. Das Ursprüngliche ist unsere Natur: Wie klares, reines Wasser. Nicht die Angst, die zum Dämon wird und uns gefrieren lässt zu Eiszapfen. Mittlerweile hat es aufgehört zu regnen. Einige wenige, übrig gebliebene Tröpfchen perlen sich an der Scheibe, werden zum Prisma für das Sonnenlicht; es bricht und spiegelt sich. Ich kann es greifen. Zumindest meine ich das. Ist halt relativ. Es klingelt an der Tür und während ich sie öffne, öffnet sich auch etwas in mir. Obwohl, oder vielleicht auch, weil ich am Ende des Tages mal wieder ein gemeinsames, virtuelles Essen unter Freunden haben werde.

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